Rund 450 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften Hersteller mit Sitz in Deutschland jedes Jahr mit homöopathischen Arzneimitteln. Große Mittelständler, Familienunternehmen, Traditionsfirmen. Ein eigener Industriezweig, gewachsen über Jahrzehnte, mit Forschung, Produktion, Export, Arbeitsplätzen und internationaler Präsenz.
Und doch herrscht auffällige Stille. Doch Hersteller können auch anders. Während Corona hat der Hersteller DHU mit ganzseitigen Anzeigen in Tageszeitungen dafür geworben, sich impfen zu lassen. Diese Kampagne hat dem Hersteller viel Kritik innerhalb der Homöopathie beschert.
Während Politik und Teile der Wissenschaft seit Monaten offen darüber diskutieren, der Homöopathie den Arzneimittelstatus zu entziehen, während Krankenkassen aussteigen, Erstattungen gekürzt werden und die regulatorische Schraube immer weiter angezogen wird, bleibt die Herstellerseite öffentlich bemerkenswert zurückhaltend. Keine Kampagnen. Keine klaren Positionspapiere. Keine sichtbare Gegenoffensive. Keine gemeinsame Stimme.
Mein Eindruck: Erstens nehmen Hersteller die Bedrohung nicht wahr. Zweitens: Hersteller denken global – wenn Deutschland fällt, dann wird eben der Vertrieb im Ausland erhöht. Das ist aber zu kurzfristig gedacht. Und einfach so 450 Millionen Umsatz zu opfern, ist auch den eigenen Mitarbeitern gegenüber nicht verantwortungsvoll.
Dabei geht es nicht um ein Randsegment. Es geht nicht um ein paar Nischenprodukte. Es geht um einen Markt von fast einer halben Milliarde Euro jährlich – allein in Deutschland. Ein Markt, der bei einem Verlust des Arzneimittelstatus über Nacht seine rechtliche Grundlage verlieren würde. Keine Zulassung mehr. Kein Apothekenvertrieb mehr. Kein Arzneimittelrecht. Kein Heilmittelstatus. Kein Vertrauen mehr bei Ärzten, Heilpraktikern und Patienten.
Kurz: Es geht um die Existenz eines ganzen Industriezweigs.
Und trotzdem: Schweigen der Hersteller und ihrer beiden Verbände Pharma Deutschland und BPI.
Warum?
Warum erleben wir keine geschlossene Herstellerfront?
Warum schweigen die Herstellerverbände Pharma Deutschland und BPI?
Warum keine deutlichen Worte an Politik und Öffentlichkeit?
Warum überlassen die Unternehmen die öffentliche Debatte fast vollständig ihren Gegnern?
Warum wird zugeschaut, während das eigene Geschäftsmodell politisch demontiert wird?
Man kann das als strategische Zurückhaltung interpretieren. Man kann es als Hoffnung verstehen, dass „es schon nicht so schlimm kommen wird“. Man kann es als Angst vor weiterer Polarisierung deuten. Oder als Versuch, unter dem Radar zu bleiben.
Aber man muss auch nüchtern feststellen: Noch nie war der regulatorische Druck auf die Homöopathie in Deutschland so hoch wie heute. Noch nie war der politische Wille so offen formuliert, diesen Markt grundlegend zu verändern. Und noch nie stand für die Hersteller so viel auf dem Spiel wie jetzt.
450 Millionen Euro sind kein ideologisches Symbol.
450 Millionen Euro sind Produktionslinien, Labore, Lieferketten, Mitarbeiter, Exportmärkte, Investitionen.
450 Millionen Euro sind ein Wirtschaftsfaktor.
Dieses Dossier fragt deshalb nicht nur, was für die Hersteller passiert, wenn die Homöopathie ihren Arzneimittelstatus verliert.
Es fragt auch: Warum kämpfen sie nicht sichtbar um ihr eigenes Überleben?
Denn wenn ein Industriezweig mit dieser Größenordnung still bleibt, während seine rechtliche Grundlage politisch zur Disposition steht, dann ist das mindestens erklärungsbedürftig.
Und genau darum geht es in diesem Dossier. Auf 23 Seiten.
DOSSIER (23 Seiten)
Politische Weichenstellung: Was eine mögliche Veränderung des Arzneimittelstatus für homöopathische Hersteller bedeuten würde
Von Christian J. Becker, Gesundheitsjournalist und PR-Berater
Kurzüberblick
Dieses Dossier beschreibt für Hersteller, warum die Frage nach dem Arzneimittelstatus der Homöopathie politisch näher gerückt ist. Es zeigt, wie politische Prozesse schrittweise Veränderungen vorbereiten und warum der Status dabei weniger juristische Technik als politisches Symbol ist.
Anhand von vier realistischen Szenarien wird deutlich, wie Regulierung ohne große Ankündigungen Wirkung entfalten kann. Das Dossier erklärt, welche konkreten Folgen das für Hersteller haben kann – von Mitarbeiter-kommunikation über Marketing bis hin zur strategischen Positionierung. Es unterscheidet zwischen Komplex- und Einzelmittelherstellern und zeigt gemeinsame Risiken.
Drei typische Fehlannahmen werden analysiert und widerlegt. Abschließend beschreibt das Dossier, wie Unternehmen sich sachlich vorbereiten können, ohne Panik zu erzeugen, und warum Sichtbarkeit kein Risiko, sondern ein verantwortlicher Beitrag zur öffentlichen Debatte ist.
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor
1. Einleitung: Warum dieses Thema plötzlich ganz nah gerückt ist
2. Was politisch tatsächlich diskutiert wird – und was nicht
3. Der Arzneimittelstatus als politisches Signal
4. Vier realistische Szenarien – und warum sie harmlos wirken können
5. Was passiert in Unternehmen, wenn sich der Status verschiebt?
6. Herstellergruppen im Vergleich: Komplexmittel und Einzelmittel
7. Drei verbreitete Illusionen
8. Mitarbeiterkommunikation: Sicherheit ohne Beschwichtigung
9. Was Führungskräfte jetzt vorbereiten sollten
10. Fazit: Sichtbarkeit als Pflicht
Über den Autor
Christian J. Becker (Jahrgang 1965) ist Gesundheitsjournalist, PR-Berater und Herausgeber des Homoeopathiewatchblog. Mit dem Blog hat er ein Medium für die Homöopathie aufgebaut, das 2025 rund eine Million Seitenaufrufe erreichte. Ziel ist es, Themen und Botschaften rund um die Homöopathie unabhängig von homöopathiekritischen Leitmedien zu veröffentlichen. Der Blog versteht sich als Mischung aus Informations- und Aktionsplattform. Für 2026 hat er gemeinsam mit seinen Leserinnen und Lesern die Mitmachkampagne #rettedeinehomöopathie gestartet. Seit 2018 bloggt er zur Homöopathie im Homoeopathiewatchblog, seit 2019 zusätzlich zu Themen rund um Heilpraktiker mit dem Heilpraktiker-Newsblog. Sein Engagement für die Homöopathie ist ehrenamtlich – aus persönlicher Dankbarkeit für erlebte Behandlungserfolge. Über Kaffeespenden finanziert er einen Anwalt sowie IT-Unterstützung, um die Blogs gegen Angriffe von Homöopathie-Gegnern abzusichern.
Seit 2018 analysiert und dokumentiert Becker politische Entwicklungen rund um die Homöopathie – mit besonderem Fokus darauf, wie Entscheidungen in Gremien, Parteien und Ministerien vorbereitet und kommuniziert werden. In diesem Zusammenhang hat er wiederholt Hintergrundpapiere für Mitglieder seines Blogs, für Verbände, Hersteller sowie interessierte Fachkreise verfasst. Allen Arbeiten liegt ein gemeinsames Ziel zugrunde: komplexe Prozesse transparent zu machen, Risiken realistisch einzuordnen und Akteuren aus Praxis und Industrie eine sachliche Entscheidungsgrundlage zu bieten.
Christian J. Becker ist studierter Ernährungswissenschaftler (Diplomarbeit über Vitamin D und Calcium). Nach dem Studium begann er seine berufliche Laufbahn in der Pharmabranche – zunächst im Außendienst, später im Innendienst und Produktmanagement. Anschließend wechselte er in Journalismus und Public Relations sowie Public Affairs, unter anderem in verschiedene Agenturen in Berlin und Hamburg. Er war unter anderem Pressesprecher der Versandapotheke DocMorris.
Seit Jahrzehnten arbeitet Becker als Journalist und PR-Berater für die Gesundheitsbranche, unter anderem für die Hörakustik und für Verbraucherschutzorganisationen. Und auch im Bereich Anwalts-PR.
Becker setzt Blogs gezielt als PR-Instrument ein. Für einen Blog über Hamburg hat er einen Publikumspreis des Radiosenders Hamburg Zwei erhalten.
Dossier: Politische Weichenstellung: Was eine mögliche Veränderung des Arzneimittelstatus für homöopathische Hersteller bedeuten würde
1. Einleitung: Warum dieses Thema plötzlich ganz nah gerückt ist
Über viele Jahre war die Frage nach dem Arzneimittelstatus homöopathischer Präparate eine theoretische Debatte. Sie tauchte in Talkshows auf, in wissenschaftlichen Streitgesprächen, in kommentierenden Artikeln. Doch sie blieb immer auf Distanz. Man konnte sie beobachten und zur Seite legen.
Seit einiger Zeit hat sich das verändert.
Mehrere politische Signale deuten darauf hin, dass Homöopathie in eine neue Kategorie politischer Aufmerksamkeit gerückt ist. Parteien positionieren sich deutlicher. Gremien diskutieren offener. Und in den Hintergrundgesprächen wird weniger gefragt, ob man Homöopathie begrenzen sollte, sondern zunehmend wie sich das umsetzen ließe, ohne großen gesellschaftlichen Widerstand auszulösen.
Gleichzeitig entsteht nach außen das Gefühl einer paradoxen Ruhe. Offiziell heißt es vielerorts, man beobachte aufmerksam, es gebe keinen akuten Handlungsbedarf und im Zweifel werde man frühzeitig informieren. Diese Botschaften wirken beruhigend. Sie vermitteln Stabilität. Aber sie erzeugen auch eine Illusion: die Illusion, dass Zeit automatisch Sicherheit bedeutet.
Genau hier setzt dieses Dossier an.
Es will nicht dramatisieren und es folgt keiner Alarmlogik. Stattdessen versucht es, politisches Handeln, jurische Möglichkeiten und branchenspezifische Folgen nebeneinanderzustellen. Es richtet sich an diejenigen, die in Unternehmen Entscheidungen vorbereiten, Kommunikation verantworten, Marken führen und Mitarbeiter informieren sollen.
Denn für Hersteller ist der Arzneimittelstatus kein abstrakter Begriff. Er prägt Positionierung, Wahrnehmung, Vertriebswege und das Selbstverständnis einer ganzen Branche. Wer ihn diskutiert, diskutiert nicht nur Etiketten. Er diskutiert die Rolle der Homöopathie im Gesundheitssystem.
Dieses Dossier stellt deshalb drei Leitfragen:
- Wie ernsthaft wird politisch über Veränderungen nachgedacht?
- Welche realistischen Szenarien sind möglich?
- Was würde das für Hersteller konkret bedeuten – kurzfristig, mittelfristig, langfristig?
Die Antworten sind differenziert. Es gibt keine schnelle Erklärung. Aber es gibt klare Bewegungen, die man erkennen kann, wenn man politisches Handeln über längere Zeit beobachtet. Und genau diese Bewegungen sollen hier sichtbarer werden.
2. Was politisch tatsächlich diskutiert wird – und was nicht
In politischen Debatten entsteht leicht ein verzerrtes Bild. Schlagzeilen, TV-Debatten und Social-Media-Kommentare erzeugen den Eindruck, Entscheidungen stünden unmittelbar bevor. In Wirklichkeit sind Prozesse meist komplexer.
Aktuell wird nicht überall offen über ein sofortiges Ende des Arzneimittelstatus diskutiert. In vielen Papieren taucht diese Formulierung gar nicht auf. Stattdessen wird an mehreren Stellen in kleinen Schritten gearbeitet:
• an der Frage der Erstattungsfähigkeit
• an der Ausgestaltung von Hinweisen und Kennzeichnungen
• an Anforderungen an Transparenz, Dokumentation und Studienbezug
• an der politischen Frage, welche Medizinbilder der Staat fördern möchte
Das Muster ist immer ähnlich:
Zunächst wird die Legitimität infrage gestellt, anschließend die Notwendigkeit, und am Ende stellt sich fast automatisch auch die Statusfrage.
Dabei spielt ein weiterer Faktor eine Rolle: Homöopathie wird zunehmend mit anderen Themen verknüpft. Sie taucht auf in Kontexten wie Heilpraktikerrecht, Patientensicherheit, Desinformation und Qualitätssicherung. So entsteht ein politischer Rahmen, der weit größer ist als die Methode selbst.
In diesem Rahmen wird Homöopathie nicht mehr als einzelne Therapieform betrachtet, sondern als Symbol. Und Symbole sind politisch besonders attraktiv, weil sie klare Botschaften ermöglichen.
Gleichzeitig gibt es im politischen Raum eine Zurückhaltung, radikale Schritte offen zu formulieren. Man weiß um die gesellschaftliche Breite von Homöopathie. Man weiß auch, dass viele Bürgerinnen und Bürger sie nicht als Ideologie, sondern als Alltagspraxis erleben. Deshalb zeigt sich ein Vorgehen, das man als schrittweise Normalisierung von Einschränkungen beschreiben könnte.
Für Hersteller entsteht damit eine doppelte Realität:
Offiziell bleibt vieles stabil.
In Hintergrundprozessen wird gleichzeitig an neuen Rahmen gedacht.
Dieses Dossier versucht, diese zweite Ebene nachvollziehbar zu machen – ohne sie größer zu reden, als sie ist, aber auch ohne sie kleinzureden.
3. Der Arzneimittelstatus als politisches Signal
Rein juristisch definiert der Arzneimittelstatus, unter welchen Bedingungen ein Produkt in Verkehr gebracht werden darf, welche Sicherheitsanforderungen gelten und wie es gekennzeichnet wird.
In der gesellschaftlichen Wahrnehmung bedeutet er jedoch weit mehr.
Er signalisiert:
• staatliche Akzeptanz
• Einbindung in ein geregeltes System
• Beteiligung an Versorgungslogiken
• Verantwortung gegenüber Apotheken, Ärzten und Patienten
Darum wird der Status politisch oft nicht als technischer Begriff, sondern als Vertrauensmarker wahrgenommen. Er steht – ob beabsichtigt oder nicht – für die Botschaft:
„Diese Präparate gehören zur medizinischen Landschaft, auch wenn sie anders funktionieren als klassische Arzneimittel.“
Wenn der Status infrage gestellt wird, wird damit nicht nur über Verpackungen diskutiert. Es wird über die grundsätzliche Legitimität eines medizinischen Ansatzes gesprochen.
Politisch hat das Folgen. Eine Debatte über den Status verschiebt Machtverhältnisse:
• Ärzte und Apotheken verlieren Handlungsspielräume
• Krankenkassen gewinnen Argumente für Einschränkungen
• Behörden erhalten breitere Prüfkompetenzen
• Kritiker können sich auf staatliche Signale stützen
Deshalb ist die Statusfrage nicht isoliert zu betrachten. Sie ist nicht nur juristische Auslegung, sondern immer auch politische Positionsbestimmung.
Viele politische Akteure wissen genau, dass eine direkte, offene Abschaffung gesellschaftlich polarisierend wäre. Daher wird häufiger der Weg gewählt, an symbolischen Stellschrauben zu drehen: Hinweistexte, Kategorien, Abgrenzungen, Informationspflichten.
Offiziell bleibt der Status bestehen. Inhaltlich verliert er Stück für Stück an Bedeutung.
Für Hersteller ergibt sich daraus eine schwierige Lage:
Nach außen heißt es, alles bleibe im Prinzip, wie es sei. In der Praxis verschieben sich jedoch Erwartungen, Wahrnehmungen und Regeln.
Wer nur auf den formalen Satz schaut, übersieht, wie still politischer Wandel organisiert werden kann.
4. Vier realistische Szenarien – und warum sie auf den ersten Blick harmlos wirken
Wenn man politische Prozesse über Jahre beobachtet, erkennt man ein wiederkehrendes Muster: Fundamentale Änderungen beginnen selten laut. Sie entwickeln sich schrittweise, scheinbar unscheinbar, oft gut begründet – und am Ende ist eine neue Realität entstanden.
Für den Arzneimittelstatus der Homöopathie lassen sich derzeit vier Szenarien beschreiben. Keines davon ist reine Theorie. Alle tauchen in Diskussionen, Gutachten oder politischen Gedankenspielen auf.
Der Unterschied liegt nicht in der Richtung, sondern im Tempo und in der Tiefe.
Szenario 1: Symbolische Eingriffe – der Status bleibt, die Botschaft ändert sich
In diesem Szenario bleibt der formale Arzneimittelstatus unverändert.
Stattdessen wird an der Kommunikation gedreht.
Denkbar sind:
• zusätzliche Hinweise auf Packungen
• erweiterte Pflichttexte zur wissenschaftlichen Einordnung
• stärkere Hervorhebung, dass keine „klassische arzneiliche Wirksamkeitsprüfung“ erfolgt
Juristisch lässt sich das relativ leicht umsetzen. Politisch wirkt es entschlossen. Und kommunikativ entfaltet es eine klare Wirkung:
„Homöopathie ist da – aber man sollte ihr nicht zu viel Bedeutung beimessen.“
Für Hersteller bedeutet das keinen unmittelbaren Markteinbruch. Aber es verändert die Gesprächssituation:
Apotheken beraten zurückhaltender.
Ärzte agieren vorsichtiger.
Medien übernehmen die neue Tonlage.
Es ist das stille Verschieben einer Wahrnehmungsgrenze.
Und genau deshalb wird es oft unterschätzt.
Szenario 2: Schrittweise Regulierung – mehr Dokumentation, weniger Freiheit
In diesem Szenario wird der Status ebenfalls nicht direkt angegriffen.
Stattdessen steigen kontinuierlich die Anforderungen im Hintergrund.
Beispiele, die diskutiert werden:
• zusätzliche Dokumentationspflichten
• strengere Vorgaben für Informationsmaterialien
• engere Abgrenzungen zu anderen Produktkategorien
• neue Prüfschritte bei Zulassungsverfahren
Offiziell lautet die Begründung:
„Wir verbessern Qualität und Transparenz.“
In der Praxis entsteht jedoch ein zunehmender Verwaltungsdruck.
Unternehmen müssen mehr nachweisen, mehr kontrollieren, mehr dokumentieren. Der Effekt ist nicht spektakulär, aber nachhaltig:
Es wird aufwendiger, homöopathische Arzneimittel im bisherigen Umfang verfügbar zu halten.
Dieses Szenario ist attraktiv für die Politik, weil es wenig Widerstand provoziert. Es schafft Fakten – ohne große Schlagzeilen.
Szenario 3: Neuordnung – Homöopathie in einer eigenen Kategorie
Hier wird die Weichenstellung deutlicher. Der Arzneimittelstatus bleibt zwar formal erhalten, doch er wird neu strukturiert. Homöopathische Präparate werden in eine Unterkategorie verschoben, die sich klar von „regulären Arzneimitteln“ abgrenzt.
Das hätte mehrere Folgen:
• geänderte Kennzeichnung
• neue Informationspflichten
• andere Erwartungen an Studien- und Evidenzbezug
• mögliche Einschränkungen in der Apothekenpraxis
Politisch ließe sich das als „modernes Update“ darstellen: Man schaffe Ordnung, Transparenz und Klarheit.
Tatsächlich wäre es eine grundlegende Verschiebung: Homöopathie bliebe formal im Arzneimittelrecht – würde aber symbolisch und praktisch an den Rand gerückt.
Für Hersteller wäre das ein tiefer Einschnitt. Nicht von heute auf morgen – aber dauerhaft.
Szenario 4: Abschaffung – der Status fällt
Dieses Szenario ist das radikalste. Homöopathische Präparate würden rechtlich in andere Produktgruppen überführt, etwa Nahrungsergänzungsmittel, Gesundheitsprodukte oder völlig neue Kategorien.
Das würde bedeuten:
• veränderte Vertriebskanäle
• neue Qualitätsanforderungen
• massive Umstellungen in Kennzeichnung und Marketing
• unklare Positionierung im medizinischen System
Ein solcher Schritt wäre politisch riskant und juristisch komplex. Er würde Debatten auslösen, möglicherweise Gerichtsverfahren nach sich ziehen und internationale Vergleiche verstärken.
Daher erscheint er kurzfristig nicht wahrscheinlich. Aber: Er ist prinzipiell diskutabel geworden.
Und allein diese Tatsache verändert die Lage. Denn wenn ein Szenario denkbar ist, beginnen Akteure, ihre Positionen danach auszurichten – lange bevor eine Entscheidung sichtbar wird.
Warum all diese Szenarien oft unterschätzt werden
Gemeinsam ist den vier Szenarien, dass sie nicht dramatisch aussehen, wenn man sie isoliert betrachtet.
Ein Hinweis hier.
Eine neue Pflicht dort.
Ein neu sortiertes Kapitel im Gesetz.
Doch in der Summe entsteht ein neues Bild: Homöopathie verliert ihre selbstverständliche Zugehörigkeit zur Arzneimittelwelt – nicht abrupt, sondern still. Hersteller, die diese Dynamik nur als Reihe kleiner Einzelfragen sehen, laufen Gefahr, die strategische Dimension zu verpassen.
5. Was passiert in Unternehmen tatsächlich, wenn sich der Status verschiebt?
Politische Entscheidungen entstehen in Ausschüssen, Ministerien und Parlamenten. Ihre Wirkung entfalten sie jedoch in ganz anderen Räumen:
in Besprechungszimmern von Marketingabteilungen,
in Telefonaten mit Apotheken,
in Teammeetings von Außendienst und Vertrieb.
Eine Veränderung des Arzneimittelstatus – egal in welcher Tiefe – läuft deshalb nie nur über Paragrafen. Sie übersetzt sich in Kommunikation, Prozesse und Identität.
5.1 Kurzfristig: Die Nachfrage nach Orientierung steigt
Sobald offizielle Diskussionen sichtbar werden, passiert in Unternehmen fast immer das Gleiche. Zuerst kommen die Fragen.
Mitarbeitende möchten wissen, was die Debatte bedeutet. Apotheken erkundigen sich, ob sie Produkte weiterhin wie gewohnt empfehlen dürfen. Ärzte wollen wissen, was sie ihren Patienten erklären sollen. Journalisten fragen nach Stellungnahmen.
Nichts davon ist dramatisch. Aber die Frequenz steigt. Und sie steigt in einer Phase, in der Antworten noch unsicher sind.
In solchen Momenten wird Kommunikation zu einer stabilisierenden Größe. Unternehmen, die intern klare Linien vorgeben, wirken ruhiger. Unternehmen, die versuchen zu beruhigen, ohne zu erklären, wirken nervös – selbst wenn sie es nicht sind.
5.2 Mittelfristig: Strukturen beginnen, sich zu verändern
Wenn politische Prozesse konkreter werden, verschiebt sich der Schwerpunkt. Dann geht es nicht mehr nur um Erklärungen, sondern um Anpassungen.
Das kann bedeuten:
• Überarbeitungen von Etiketten und Textbausteinen
• Abstimmungen mit Juristen und Behörden
• neue Dokumentationswege
• veränderte Anforderungen an Schulungsmaterialien für Außendienst und Service
Diese Prozesse sind arbeitsintensiv. Sie binden Ressourcen, die anderswo fehlen, und erzeugen Unsicherheit:
„Bleibt das so? Kommt noch mehr?“
Hinzu kommt ein Effekt, den viele Branchen kennen: Sobald ein Bereich strenger reguliert wird, steigt automatisch die Sensibilität in anderen Bereichen. Man will keine Fehler riskieren. Vorsicht wird zur Leitlinie.
5.3 Langfristig: Die Frage nach der Rolle im System
Der tiefere Einschnitt entsteht nicht durch einzelne Formulierungen, sondern durch die Frage, die sich irgendwann zwangsläufig stellt: „Welche Rolle soll unser Unternehmen in einem Gesundheitssystem haben, das sich politisch neu sortiert?“
Diese Frage betrifft:
• Markenidentität
• strategische Ausrichtung
• Forschungs- und Innovationswege
• nationale und internationale Positionierung
Sie wird nicht von heute auf morgen beantwortet. Aber sie prägt langfristig Entscheidungen – oft still, manchmal unbewusst.
Je stärker der Arzneimittelstatus politisiert wird, desto mehr geraten homöopathische Hersteller in eine Art Zwischenraum: Sie bewegen sich einerseits in der Arzneimittelwelt, andererseits werden sie zunehmend als Sonderfall behandelt.
Diesen Zwischenraum klar zu definieren, ist eine Führungsaufgabe.
5.4 Die unsichtbare Belastung: Dauererklärungen
Ein Punkt wird in vielen Unternehmen unterschätzt: die kommunikative Dauerbelastung.
Wenn die Debatte an Fahrt gewinnt, erklären Marketing- und Kommunikationsteams immer wieder dieselben Zusammenhänge. Sie müssen Texte anpassen, Presseanfragen beantworten, interne Rundmails formulieren, Informationsmaterial neu ausrichten.
Das geschieht oft parallel zu normalem Tagesgeschäft.
Die eigentliche Herausforderung besteht dann nicht in der rechtlichen Umsetzung, sondern in der Fähigkeit, über Monate hinweg konsistent, ruhig und verständlich zu kommunizieren.
Unternehmen, die diese Phase gut gestalten, gewinnen Vertrauen.
Unternehmen, die sie unterschätzen, verlieren es – ohne formale Fehler gemacht zu haben.
Bis hierhin habe ich beschrieben, was politisch denkbar ist und wie sich das im Inneren von Unternehmen bemerkbar macht.
Im nächsten Schritt wird der Blick differenzierter:
6. Herstellergruppen im Vergleich: Komplexmittel und Einzelmittel – ähnliche Risiken, unterschiedliche Logiken
Auf den ersten Blick wirken homöopathische Hersteller wie eine relativ homogene Branche. Tatsächlich bewegen sie sich aber in unterschiedlichen Welten – mit eigenen Traditionen, Zielgruppen und Kommunikationskulturen.
Das spielt eine größere Rolle, als es auf den ersten Blick scheint. Denn politische Entscheidungen treffen zwar alle gleichzeitig, aber sie wirken nicht auf alle gleich.
6.1 Komplexmittel: Nähe zu Medizin und Versorgung
Unternehmen, die überwiegend Komplexmittel herstellen, stehen in einem engen Austausch mit medizinischen Strukturen. Ihre Produkte sind stärker in Therapiekonzepte eingebettet, sie werden in Praxen, Kliniken und Fortbildungen diskutiert und sie tauchen häufiger in fachlichen Kontexten auf.
Für diese Hersteller bedeutet eine Verschiebung des Arzneimittelstatus mehr als nur ein Etiketten-Problem. Sie berührt unmittelbar die Frage, wie Homöopathie in medizinischen Behandlungen wahrgenommen wird.
Wird sie als Ergänzung verstanden?
Als alternative Option?
Oder zunehmend als Randphänomen?
Gleichzeitig stehen Komplexmittel-Hersteller häufig stärker unter Beobachtung. Von ihnen wird erwartet, dass sie wissenschaftliche Aktivitäten dokumentieren, Praxisdaten darstellen und Qualitätsprozesse transparent erklären.
Damit verfügen sie über Chancen – aber auch über eine höhere kommunikative Verantwortung.
6.2 Einzelmittel: Tradition, Vertrautheit, Beständigkeit
Einzelmittelhersteller bewegen sich historisch in einem anderen Narrativ. Ihre Produkte begleiten Patientinnen und Patienten oft über lange Zeiträume hinweg. Sie sind Teil einer vertrauten Anwendungspraxis – sowohl in Haushalten als auch in therapeutischen Kontexten.
In öffentlichen Debatten wird dieser Bereich weniger über klinische Daten diskutiert, sondern stärker über die Frage: „Soll diese Form der Medizin politisch weiterhin ihren Platz behalten?“
Für Einzelmittelhersteller ist der Arzneimittelstatus deshalb besonders eng mit Identität und Vertrauen verbunden. Er signalisiert nicht nur rechtliche Ordnung, sondern Zugehörigkeit zum medizinischen System. Wenn dieser Status infrage gestellt wird, trifft es nicht nur Produkte, sondern das Gefühl von Legitimität.
6.3 Warum beide Gruppen eine gemeinsame Herausforderung teilen
Trotz aller Unterschiede verbindet beide Herstellergruppen eine zentrale Herausforderung: Sie stehen in einer Debatte, die zunehmend politisch bewertet wird — unabhängig davon, wie sie intern arbeiten oder welche Qualitätsstandards sie setzen.
Das bedeutet:
• Selbst vorbildliche Dokumentation schützt nicht vor politischen Dynamiken.
• Tradition und Patiententreue sichern keine politische Akzeptanz.
• Gute Verbandsarbeit ersetzt keine eigene strategische Vorbereitung.
Der Unterschied liegt lediglich darin, wie sichtbar und in welcher Form die jeweiligen Risiken auftreten. Komplexmittel geraten stärker in wissenschaftliche und medizinische Diskussionen.
Einzelmittel eher in symbolische und politische.
Für die Zukunft bedeutet das:
Hersteller werden sich stärker bewusst positionieren müssen — nicht gegeneinander, sondern in Abstimmung mit ihren spezifischen Rollen.
Im nächsten Abschnitt gehe ich einen Schritt weiter und spreche über ein Thema, das die Branche oft unterschätzt:
7. Drei verbreitete Illusionen – und warum sie gefährlich sein können
In Gesprächen mit Herstellern, Apotheken, Politikern und Verbänden begegnen immer wieder ähnliche Argumentationsmuster. Sie klingen plausibel. Sie beruhigen. Und doch führen sie in eine falsche Sicherheit.
Dieses Kapitel versucht, einige dieser Illusionen zu benennen. Nicht als Vorwurf, sondern als Einladung, realistischer zu denken.
Illusion 1: „Im Zweifel kann man Homöopathie doch immer noch als Nahrungsergänzung verkaufen.“
Der Gedanke dahinter ist verständlich: Wenn der Arzneimittelstatus tatsächlich entfiele, gäbe es doch alternative Produktkategorien.
Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen einem völlig anderen Rahmen. Ihre Position basiert auf Ernährung, nicht auf Therapie. Sie sind Teil eines Verbrauchermarktes — nicht Teil eines medizinischen Versorgungssystems.
Würde Homöopathie in diesen Bereich wechseln, ginge mehr verloren als ein juristischer Status. Es ginge um:
• den Bezug zu Ärzten und Apotheken
• die Wahrnehmung als Therapieoption
• die Einordnung in Krankheitskontexte
• die Erwartung an Qualität und Verantwortung
Homöopathie würde in weiten Teilen aufhören, als Medizin verstanden zu werden.
Illusion 2: „Andere Länder machen es anders — also bleibt Deutschland stabil.“
Der internationale Vergleich wird oft als Beruhigungsargument genutzt. In manchen Ländern ist Homöopathie sichtbar eingebunden, in anderen politisch akzeptiert. Aber Politik orientiert sich nicht immer an Stabilität.
Sie orientiert sich an Stimmungen, an Koalitionen, an Narrativen.
Deutschland bewegt sich zudem in einem öffentlichen Klima, das stark auf Evidenz, Kontrolle und Patientenschutz setzt. Themen, die einmal als Problembereich markiert sind, verschwinden selten wieder. Sie wandern stattdessen Schritt für Schritt in regulative Debatten.
Ein stabiler Status quo ist deshalb keine Garantie. Er ist lediglich ein Zustand — solange, bis er neu bewertet wird.
Illusion 3: „Wenn es wirklich kritisch wird, werden die Verbände schon warnen.“
Verbände haben zweifellos eine wichtige Funktion. Sie beobachten Prozesse, sprechen mit Politikern, geben Einschätzungen weiter.
Aber sie arbeiten zwangsläufig generalistisch. Sie können keine tiefgehenden Risiko-Analysen für jedes einzelne Unternehmen liefern. Und sie können nicht verhindern, dass politische Dynamiken schneller werden, als man erwartet.
Hinzu kommt: Verbände sind Teil politischer Kompromisse. Sie müssen moderieren, abwägen, Brücken bauen. Ihre Botschaften sind daher oft diplomatisch – nicht alarmierend.
Das ist legitim. Aber es ersetzt keine eigene strategische Vorsorge.
Zwischenergebnis
Diese drei Illusionen zeigen: Sicherheit entsteht nicht durch das Ignorieren von Risiken, sondern durch das bewusste Durchdenken von Möglichkeiten.
Ein Unternehmen, das seine Lage realistisch betrachtet, steht in politischen Umbruchphasen stabiler da — unabhängig davon, welches Szenario am Ende Wirklichkeit wird.
Im nächsten Kapitel wechsle ich die Perspektive und schaue gezielt in die Unternehmen hinein:
8. Mitarbeiterkommunikation: Sicherheit schaffen, ohne zu beschwichtigen
Politische Veränderungen erreichen ein Unternehmen nicht zuerst in der Rechtsabteilung, sondern in Gesprächen auf den Fluren, in Pausenräumen und Teamsitzungen. Mitarbeiter spüren, wenn sich etwas verschiebt, selbst wenn noch keine Entscheidung gefallen ist.
Sie lesen Schlagzeilen.
Sie hören Meinungen im privaten Umfeld.
Sie erleben Fragen von Kunden.
Wenn Führungskräfte diese Stimmung ignorieren, entsteht ein stilles Vakuum. In diesem Vakuum verbreiten sich Gerüchte, Halbwissen und Ängste. Die Folge ist nicht Panik, sondern eine diffuse Verunsicherung, die auf Dauer Motivation und Loyalität schwächen kann.
8.1 Beschwichtigung ist kein Führungsinstrument
Der erste Reflex vieler Organisationen lautet: „Wir sollten das Thema klein halten. Sonst machen wir es größer, als es ist.“
Kurzfristig beruhigt diese Strategie.
Langfristig untergräbt sie Vertrauen.
Denn Mitarbeitende merken, wenn wichtige Themen nicht offen angesprochen werden. Sie interpretieren Zurückhaltung als Hinweis darauf, dass die Lage ernster sein könnte, als offiziell gesagt wird.
Vertrauen entsteht dagegen aus Transparenz. Und Transparenz bedeutet in diesem Kontext:
• erklären, was politisch wirklich diskutiert wird
• klar benennen, was man derzeit nicht weiß
• offen darstellen, auf welche Szenarien man sich vorbereitet
Diese Form der Kommunikation wirkt erwachsen. Sie respektiert Mitarbeitende als Menschen, die Zusammenhänge verstehen wollen — und können.
8.2 Typische Fragen – und wie man ihnen begegnen kann
In Unternehmen tauchen in solchen Phasen immer wieder ähnliche Fragen auf:
„Ist mein Arbeitsplatz gefährdet?“
Eine ehrliche Antwort ist: Aktuell gibt es politische Bewegungen, aber keine konkreten Beschlüsse. Wir bereiten uns vor, damit wir handlungsfähig bleiben, egal, wie entschieden wird.
„Warum steht Homöopathie plötzlich so stark in der Kritik?“
Weil die Debatte nicht nur medizinisch, sondern politisch geführt wird. Es geht um Grundsatzfragen im Gesundheitssystem.
„Bedeutet das, dass unsere Produkte verschwinden könnten?“
Das ist kein realistisches Szenario von heute auf morgen. Aber der Rahmen kann sich verändern. Genau deshalb analysieren wir und denken voraus.
„Was tut das Unternehmen konkret?“
Wir beobachten politische Signale, bewerten Szenarien, sprechen mit Partnern und bereiten Informationen vor, um sicher und transparent zu bleiben.
Solche Antworten sind weder dramatisch noch beschönigend. Sie schaffen Orientierung.
8.3 Kommunikation ist auch Fürsorge
Wer ein Unternehmen führt, trägt Verantwortung für wirtschaftliche Stabilität – aber auch für psychologische Stabilität. In unsicheren Zeiten suchen Menschen Halt. Dieser Halt entsteht nicht durch fertige Lösungen, sondern durch das Gefühl, dass die eigene Organisation wach, aufmerksam und ehrlich mit Entwicklungen umgeht.
Deshalb ist Mitarbeiterkommunikation kein Nebenthema. Sie ist ein zentraler Baustein unternehmerischer Resilienz.
Der nächste Abschnitt führt den Gedanken weiter – von innen nach außen:
9. Was Führungskräfte jetzt konkret vorbereiten sollten
Viele Unternehmen reagieren erst dann, wenn politische Entscheidungen gefallen sind. Das ist nachvollziehbar – aber riskant. Vorbereitung bedeutet nicht, dass man Entscheidungen vorwegnimmt. Vorbereitung bedeutet, dass man nicht überrascht wird.
Im Kontext der Homöopathie-Debatte lassen sich drei Bereiche unterscheiden, in denen vorausschauendes Handeln sinnvoll ist: Information, Prozesse und Haltung.
9.1 Informationsbasis: Ein eigenes Lagebild entwickeln
Unternehmen sollten nicht ausschließlich auf öffentliche Aussagen oder Verbandsinformationen angewiesen sein. Beides ist wichtig – aber es bildet die Realität nur teilweise ab.
Sinnvoll ist ein internes Lagepapier, das regelmäßig aktualisiert wird und folgende Punkte bündelt:
• relevante politische Beschlüsse und Ankündigungen
• Entwicklungen in Ausschüssen und Fachgremien
• juristische Einschätzungen
• mögliche Auswirkungen auf das eigene Portfolio
Dieses Dokument ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Arbeitstool.
Es schafft Übersicht und verhindert, dass Wissen zufällig verteilt bleibt.
9.2 Prozesse: Klarheit für den Ernstfall
Wenn regulatorische Änderungen kommen, müssen Entscheidungen schnell und dennoch geordnet getroffen werden. Dafür braucht es vorher definierte Abläufe.
Dazu gehört unter anderem:
• Wer prüft rechtliche Anpassungen?
• Wer entscheidet über neue Formulierungen?
• Wer spricht mit Apotheken und Ärzten?
• Wer verantwortet externe Statements?
Klare Zuordnungen nehmen in kritischen Momenten Druck heraus.
Sie verhindern, dass Zeit mit internen Abstimmungen verloren geht, während draußen Unsicherheit wächst.
9.3 Kommunikation: Eine Linie entwickeln, bevor man sie braucht
Texte, die unter Zeitdruck entstehen, klingen oft unsicher. Sie reagieren statt zu erklären.
Besser ist es, vorab über Kernbotschaften nachzudenken:
• Wie erklären wir ruhig und sachlich, was sich politisch verändert?
• Wie unterscheiden wir zwischen Fakten und Spekulationen?
• Wie signalisieren wir Verantwortung, ohne zu dramatisieren?
Solche Vorüberlegungen lassen sich später anpassen.
Aber sie geben Orientierung – intern wie extern.
9.4 Haltung: Verantwortung sichtbar machen
In politischen Konflikten ist nicht nur entscheidend, was ein Unternehmen sagt, sondern wie es wahrgenommen wird. Ein Hersteller, der transparent, reflektiert und dialogbereit wirkt, gewinnt Vertrauen – auch bei Menschen, die ihm kritisch gegenüberstehen.
Eine Haltung nach dem Motto: „Wir sagen möglichst wenig, um keinen Fehler zu machen“ ist menschlich verständlich, wirkt aber schnell defensiv.
Die Erfahrung zeigt: Unternehmen, die Verantwortung sichtbar übernehmen, haben in unsicheren Zeiten die besseren Karten.
10. Fazit: Warum Sichtbarkeit kein Risiko, sondern Pflicht ist
Die Diskussion um den Arzneimittelstatus homöopathischer Präparate ist kein isoliertes Spezialthema. Sie steht stellvertretend für eine größere Entwicklung: Das Gesundheitssystem sortiert neu, welche Methoden welche Rolle spielen sollen. Und diese Sortierung folgt immer stärker politischen Logiken.
Für Hersteller bedeutet das: Sie bewegen sich nicht nur in einem Markt, sondern in einem Deutungsraum.
Dieser Deutungsraum entscheidet darüber,
• wie Produkte wahrgenommen werden,
• wie Ärztinnen und Apotheken sie einordnen,
• und welche Erwartungen Politik an sie stellt.
In solchen Phasen ist Schweigen keine neutrale Position. Es ist eine Einladung, die Deutung anderen zu überlassen.
Sichtbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Lautstärke. Sie bedeutet: erklären, einordnen, Verantwortung zeigen.
Sie bedeutet, zu zeigen, dass Homöopathie nicht nur historisch gewachsen ist, sondern Teil eines geordneten, reflektierten Umgangs mit Patienten und Therapien sein kann.
Und sie bedeutet, rechtzeitig zu sagen, was politische Veränderungen praktisch bedeuten würden – für Hersteller, für Praxen, für Apotheken und für diejenigen, die Homöopathie anwenden.
Dieses Dossier versucht, dafür einen Beitrag zu leisten: Indem es Szenarien beschreibt, Illusionen hinterfragt und deutlich macht, dass Vorbereitung kein Zeichen von Angst ist, sondern Ausdruck professioneller Führung.
Wie sich die politische Linie am Ende tatsächlich entwickelt, ist offen.
Aber eines lässt sich schon heute sagen:
Unternehmen, die wach, informiert und dialogfähig bleiben, werden mit Veränderungen besser umgehen – egal, wie weit sie gehen.
– Hamburg, 6.1.2026 —

