Es war ein ungewöhnlicher Vorgang. Am Sonntag, dem 18. Januar, ging um 5.18 Uhr eine Presseanfrage des Homoeopathiewatchblog an den GKV-Spitzenverband zum Thema Homöopathie und zur neuen gesundheitspolitischen Linie des Kanzleramtes. Am Montagmorgen, dem 19. Januar, um 10.44 Uhr lag bereits die Antwort des Kassen-Spitzenverbandes vor – persönlich versandt von der Pressereferentin, mit dem Sprecher des Vorstandsvorsitzenden in Kopie und dem Verweis auf ein aktuelles Interview des Vorstandschefs.
Während Parteien, Ministerien und einzelne Krankenkassen bislang schweigen, meldet sich ausgerechnet der mächtigste Akteur der gesetzlichen Krankenversicherung binnen Stunden zu Wort. Und nicht nur das: Der Spitzenverband bestätigt inhaltlich die neue Linie des Kanzleramts.
Das wirft eine Frage auf: Warum reagierte der Spitzenverband der Krankenkassen so schnell – und welches Interesse verfolgt er dabei?
Beobachter der Gesundheitspolitik sehen hier die Konturen eines neuen gesundheitspolitischen Konsenses zwischen Kanzleramt und Selbstverwaltung – ohne öffentliche Debatte, ohne parlamentarische Befassung, ohne kritische Nachfragen der Opposition oder der Medien.
Nur der Homoeopathiewatchblog fragt und berichtet – als einziges Medium. Alle Leitmedien, die eigentlich zuständig sind als selbsternannte vierte Gewalt für die Beobachtung der Regierungspolitik, schweigen bei diesem wichtigen Thema – bis das erste Medium zuckt. Das Gleiche gilt für die Opposition, die zur Kontrolle der Regierungspolitik gewählt ist.
Ein Satz des Kanzleramtschefs – und ein jahrzehntelang gewachsenes System gerät in Bewegung
Ausgangspunkt ist eine Antwort von Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) vom 30. Dezember 2025 auf der Plattform Abgeordnetenwatch, die der Homoeopathiewatchblog als einziges Medium öffentlich aufgegriffen und politisch eingeordnet hat. Frei erklärt dort, es sei nicht Aufgabe des Staates, den gesetzlichen Krankenkassen Vorgaben zu ihren Zusatzleistungen zu machen. Die Krankenkassen müssten selbst entscheiden, wofür sie Geld ausgeben. Politische Steuerung lehnt er ausdrücklich ab.
Was zunächst wie eine technische Zuständigkeitsfrage klingt, ist in Wahrheit eine ordnungspolitische Grundsatzentscheidung. Der Staat zieht sich aus der inhaltlichen Verantwortung für einen Teil der Gesundheitsversorgung zurück. Entscheidungen über Zusatzleistungen sollen künftig allein bei den Krankenkassen liegen.
Diese neue Kanzleramtslinie wurde nun vom GKV-Spitzenverband am 19. Januar gegenüber dem Homoeopathiewatchblog offiziell bestätigt. Zusatzleistungen seien freiwillige Satzungsleistungen der einzelnen Krankenkassen. Der Staat setze lediglich den rechtlichen Rahmen. Die Verantwortung liege bei der Selbstverwaltung.
Für Journalisten, Juristen und Parlamentarier ist diese schriftliche Stellungnahme des GKV-Spitzenverbands ein belastbarer Beleg dafür, dass die neue Kanzleramtslinie von der Selbstverwaltung ausdrücklich mitgetragen wird.
Warum der GKV-Spitzenverband nicht geschwiegen hat
Der GKV-Spitzenverband hätte die Anfrage zur neuen Kanzleramtspolitik und ihren möglichen Folgen für Zusatzleistungen wie die Homöopathie auch aussitzen können. Er hätte auf Zuständigkeiten verweisen oder gar nicht reagieren können. Genau das tun Verbände in politisch sensiblen Lagen häufig.
Dass er es nicht getan hat, ist kein Zufall. Der Spitzenverband ist der politische Dachverband aller gesetzlichen Krankenkassen. Er vertritt ihre Interessen gegenüber Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat. Und eines dieser Interessen ist seit Jahren klar formuliert: mehr Autonomie, weniger politische Einmischung, weniger inhaltliche Steuerung.
Freis Linie ist für den Spitzenverband deshalb kein Risiko, sondern ein strategischer Gewinn für die Krankenkassen.
Sie bedeutet:
– Der Staat zieht sich aus der inhaltlichen Verantwortung zurück.
– Die Politik übernimmt keine Verantwortung mehr für Kürzungen.
– Die Selbstverwaltung bekommt volle Entscheidungshoheit.
Ordnungspolitisch ist das genau das, was die Krankenkassen seit langem fordern. Entscheidungen werden entpolitisiert. Kürzungen werden zu betriebswirtschaftlichen Vorgängen. Politische Rechtfertigungspflichten entfallen.
Für den Spitzenverband ist Freis Linie kein Problem. Sie entspricht exakt der ordnungspolitischen Zielrichtung der Selbstverwaltung. Die Homöopathie könnte dabei zum ersten Testfall werden.
Wer künftig über Leistungen entscheidet
Bislang war das System klar strukturiert. Der Gesetzgeber setzt politische Leitplanken. Das Bundesgesundheitsministerium übt Fachaufsicht aus. Zusatzleistungen wie Homöopathie oder erweiterte Krebsvorsorge werden politisch mitgedacht als Teil von Prävention, Vorsorge und Versorgungsvielfalt.
Mit Freis neuer Linie verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Künftig sollen Verwaltungsräte und Vorstände der Krankenkassen entscheiden, welche Zusatzleistungen bleiben und welche gestrichen werden. Nicht mehr der Bundestag. Nicht mehr die Gesundheitspolitik. Nicht mehr politische Zielsetzungen.
Das betrifft nicht den Pflichtleistungskatalog, der weiterhin vom Gemeinsamen Bundesausschuss gesteuert wird. Aber alles, was darüber hinausgeht und als Zusatzleistung gilt – Homöopathie, erweiterte Krebsvorsorge, Prävention, besondere Versorgungsangebote – fällt vollständig in den Verantwortungsbereich der Krankenkassen.
Politisch heißt das: Der Bundestag gibt Verantwortung ab. Die Selbstverwaltung der Krankenkassen gewinnt Macht.
Homöopathie als erstes Testfeld
Homöopathie ist in diesem System kein Sonderfall, sondern ein Frühindikator. Sie gehört zu den freiwilligen Satzungsleistungen. Sie ist politisch umstritten. Und sie ist rechtlich nicht Teil der gesetzlichen Pflichtversorgung.
Genau deshalb eignet sie sich als erstes Testfeld für die neue Ordnungspolitik. Wenn Krankenkassen beginnen, homöopathische Leistungen aus Kostengründen zu streichen, dann ist das kein Einzelfall. Es ist der Beginn einer neuen Logik. Was politisch nicht mehr gewollt ist, steht unter Haushaltsvorbehalt.
Dass der Spitzenverband diese Linie so früh und so eindeutig bestätigt, zeigt: Die Krankenkassen sind auf diesen Umbau vorbereitet. Und sie sehen darin eine Stärkung ihrer ordnungspolitischen Position.
Ein Machtwechsel im Gesundheitssystem
Was sich hier vollzieht, ist kein Verwaltungsdetail. Es ist ein Machtwechsel. Politische Verantwortung wandert aus dem Parlament in die Selbstverwaltung. Entscheidungen über Versorgungsvielfalt werden betriebswirtschaftlich getroffen. Der Staat beschränkt sich auf formale Aufsicht.
Für die Krankenkassen ist das ein Zugewinn an Autonomie. Für die Politik ist es ein Rückzug aus Verantwortung. Für Versicherte ist es ein Systemwechsel, dessen Folgen sie erst nach und nach spüren werden.
Dass der GKV-Spitzenverband diesen Kurs früh absichert, ist rational. Er stabilisiert die neue Linie, bevor sie politisch unter Druck gerät. Er signalisiert Geschlossenheit. Und er macht aus einer Kanzleramtsposition eine gemeinsame Ordnungspolitik von Regierung und Selbstverwaltung.
Fazit
Die schnelle Antwort des GKV-Spitzenverbands war kein Zufall und kein Service und keine Nettigkeit für einen Blogger. Sie war ein strategischer Schritt. Freis Linie verschiebt Macht, entlastet die Krankenkassen politisch und stärkt die Selbstverwaltung. Der Spitzenverband hat ein klares Interesse daran, diesen Kurs frühzeitig zu stabilisieren.
Wer verstehen will, wie Gesundheitspolitik tatsächlich funktioniert, muss genau auf solche Momente schauen. Auch auf einen Satz eines Kanzleramtsministers auf Abgeordnetenwatch, den der Homoeopathiewatchblog als einziges Medium politisch eingeordnet hat.
Dort, wo Ordnungspolitik, Machtinteressen und öffentliche Deutung zusammenkommen, entscheidet sich, wie Versorgung in Zukunft aussieht.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Aber mit weitreichenden Folgen.
Und Homöopathie könnte das erste politische Bauernopfer dieser neuen Ordnungspolitik werden – gefolgt von erweiterter Krebsvorsorge, Schwangerschaftsvorsorge, Geburtsnachsorge und Präventionsangeboten.
Übersicht über die Dossiers zur neuen Kanzleramtslinie „Kassen entscheiden, Kanzleramt zieht sich zurück“
Dossier 1 – Was Freis neue Linie für Patienten und Krankenkassen bedeutet
Wie der Rückzug des Kanzleramtes aus der Versorgungssteuerung die Gesundheitsversorgung verändert – auch mit Blick auf Homöopathie und Krebsvorsorge / Link
Dossier 2 – Homöopathie als Testlabor: Warum Kürzungen vor allem Frauen treffen
Warum Zusatzleistungen wie Homöopathie, Krebsvorsorge, Schwangerschafts- und Präventionsangebote zuerst unter Spardruck geraten. / Link
Dossier 3 – Machtwechsel im Gesundheitssystem: Warum der GKV-Spitzenverband Freis Linie absichert
Weshalb der mächtigste Akteur der gesetzlichen Krankenversicherung die neue Kanzleramtslinie sofort stabilisiert. Homöopathie und Krebsvorsorge könnten die ersten Bauernopfer sein / Link
Dossier 4 – Warum die FDP Baden-Württemberg jetzt zur Schutzmacht der Homöopathie wird – Kritik am neuer Politik des Kanzleramts gegen Globuli / Link
Dossier 5 – Eine machtpolitische Analyse – David Homöopathie gegen Goliath Kanzleramtsminister: warum Frei nur noch drei statt fünf Möglichkeiten hat / Link
Dossier 6 – Wie das Kanzleramt den Rückzug des Staates nur mit der SPD und Jens Spahn durchsetzen kann
Welche parlamentarischen Mehrheiten Thorsten Frei braucht – und warum die SPD zur Schlüsselfigur seiner Politik wird. Auch hier könnten Homöopathie und Krebsvorsorge die ersten Bauernopfer sein / Link
Anfragen dazu an folgende Parteien:
Da dies ein grundsätzliches Thema für die Parteien des Bundestages und der Landtage ist, habe ich Union, SPD, Linke und Grüne sowie FDP um Stellungnahme gebeten. Denn es sollte öffentlich über diese Richtungsänderung diskutiert werden.
Die Rechtaußen-Organisation habe ich aus persönlichen Gründen nicht angefragt:
Der Grund ist relativ einfach und ist in diesem Artikel von mir für den ZEIT Störungsmelder nachzulesen: Link. Ich hatte schon mit gewalttätigen Stiefelnazis hautnahen Kontakt, die später das Parteibuch aufnahmen. Und ich hatte mit Anwälten mit Parteibuch und Burschenschafterband zu tun. Und ich habe einen dieser FAP-Kameraden vor Gericht gezogen, worüber zahlreiche Medien, wie z.B. der Spiegel (Link), die ZEIT (Link) oder auch der Bundestag (Kleine Anfrage) berichtet haben. Das reicht um zu erkennen, dass es für mich keine Grundlage für eine Anfrage an diese Organisation unter dem Deckmantel einer Partei gibt.

