Website-Icon HomoeopathieWatchblog

Homöopathie vor der stillen Entsorgung: Weckruf des Watchblog an die Homöopathie-Gemeinschaft

homöopathie

Von Christian J. Becker, Gesundheitsjournalist,

Redakteur homoeopathiewatchblog.de (2018 bis …)

Dieser Text ist ein Weckruf, weil sich die aktuelle Entwicklung nicht mehr aus Einzelmeldungen oder politischen Nebensätzen erklären lässt. Er ist auch ein Weckruf aus persönlicher Erfahrung. Ich blogge seit 2018 zu Homöopathie und Heilpraktikern und beobachte seither ein wiederkehrendes Muster: Viele schweigen, viele warten ab, viele tun nichts. Gleichzeitig sammeln sich immer mehr Menschen um den Watchblog, nicht aus Loyalität, sondern weil sie aktiv werden wollen und erkennen, dass Nicht-Handeln Folgen hat.

Der Watchblog ist dabei nie als Ersatzverband gedacht gewesen und wird es auch nicht sein. Er kann und soll und wird kein strukturelles Versagen dauerhaft kompensieren wollen und können. Er füllt allenfalls kurzfristig ein Vakuum, das dort entsteht, wo Verbände und Hersteller sichtbar passiv bleiben.

An Ressourcen mangelt es der Homöopathie nicht. Es gibt Budgets, Personal, Organisationen und Zugänge.

Was fehlt, ist erkennbarer Wille.

Genau darum geht es in diesem Weckruf: nicht um Strukturen, nicht um Zuständigkeiten, nicht um Rechtfertigungen – sondern um Willen.

Zuerst ein Lagebericht:

Erst im Zusammenhang wird in den letzten Monaten sichtbar, wie weit sich Politik und Verwaltung bereits aus der Verantwortung für die inhaltliche Steuerung der Versorgung zurückgezogen haben – und was das für die Homöopathie konkret bedeutet.

In den vergangenen Wochen sind mehrere Stellungnahmen aus Politik und Selbstverwaltung öffentlich geworden, die für sich genommen unscheinbar wirken. Zusammengenommen markieren sie jedoch einen Wendepunkt. Homöopathie wird nicht mehr offen angegriffen. Sie wird politisch losgelassen. Sie wird aus der politischen Verantwortung entlassen und verwaltungstechnisch abgelegt.

Zentral dafür ist die Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit auf eine Presseanfrage des Homoeopathiewatchblog vom 27. Januar 2026.

Das BMG erklärt sich für nicht zuständig

In seiner Antwort beschreibt das Bundesgesundheitsministerium Homöopathie ausschließlich als mögliche freiwillige Satzungsleistung der Krankenkassen. Wörtlich heißt es, Satzungsleistungen seien Leistungen, „die eine Krankenkasse zusätzlich zu den gesetzlich festgeschriebenen Leistungen gewähren kann“, und dass „jede Krankenkasse diese Leistungen in ihrer Satzung festlegen“ könne.

Weiter führt das Ministerium aus, der Gesetzgeber habe den Krankenkassen hierfür einen „bewusst eingeräumten weiten Gestaltungsspielraum“, der „Ausprägung des Selbstverwaltungsprinzips im Gesundheitswesen“ sei. Zu einer darüber hinausgehenden Öffnung fänden sich „keine Vorgaben im Koalitionsvertrag“.

Ob Krankenkassen Zusatzleistungen künftig streichen könnten, könne das Bundesministerium für Gesundheit „zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen“, entsprechende Informationen lägen nicht vor.

Was in dieser Antwort fehlt, ist entscheidend. Das BMG trifft keine eigene gesundheitspolitische Bewertung. Es benennt keine Verantwortung für Versorgungsvielfalt. Es formuliert keine Leitplanken, an denen sich Krankenkassen orientieren müssten. Homöopathie wird nicht verteidigt, nicht kritisiert, nicht eingeordnet – sondern verwaltungstechnisch abgelegt.

Die Frei-Linie wird vollzogen

Diese Haltung steht nicht isoliert. Sie fügt sich nahtlos in die Linie von Kanzleramtsminister Thorsten Frei ein. Auf Abgeordnetenwatch erklärte Frei Ende 2025 wörtlich, es sei „nicht Aufgabe des Staates, den gesetzlichen Krankenkassen Vorgaben zu ihren Zusatzleistungen zu machen“. Die Krankenkassen müssten „selbst entscheiden, wofür sie Geld ausgeben“; eine politische Steuerung lehne er ausdrücklich ab.

Mit der Antwort des Bundesgesundheitsministeriums ist klar: Diese Linie wird nicht nur toleriert, sondern umgesetzt. Der politische Rückzug, den Frei formuliert hat, wird administrativ vollzogen. Der Staat zieht sich aus der inhaltlichen Verantwortung zurück. Homöopathie wird nicht mehr politisch verhandelt, sondern dem Wettbewerb und der Finanzlage der Krankenkassen überlassen.

Was das konkret bedeutet

Diese Entwicklung hat klare Folgen.

Es gibt keinen politischen Ort mehr, an dem über Homöopathie gestritten wird. Weder im Bundestag noch im Bundesministerium findet eine inhaltliche Auseinandersetzung statt. Der Staat erklärt, er habe bewusst Gestaltungsspielräume eingeräumt – und erklärt zugleich, er könne nicht beurteilen, welche Folgen diese Spielräume haben.

Homöopathie ist damit kein politisches Thema mehr, sondern ein Verwaltungsfall.

Damit verschwindet sie nicht über Nacht aus der Versorgung. Sie verschwindet schrittweise aus dem System – ohne öffentliche Debatte, ohne klare Entscheidung, ohne Verantwortungsübernahme.

Homöopathie steht nicht vor einem Verbot. Sie steht vor der Gefahr, aus dem System zu verschwinden, ohne dass jemals offen entschieden wurde, ob sie dort gewollt ist oder nicht.

Bis hierher ließe sich dieser Text als nüchterne Bestandsaufnahme lesen. Doch dabei darf man es nicht belassen. Denn was hier beschrieben wird, ist keine abstrakte Zuständigkeitsfrage, sondern eine reale Verschiebung von Verantwortung.
Wenn Politik erklärt, es sei „nicht Aufgabe des Staates“, und Verwaltung auf „bewusst eingeräumte Gestaltungsspielräume“ verweist, entsteht kein neutraler Raum. Es entsteht ein Vakuum.


Ab hier ist dieser Text kein Bericht mehr. Ab hier ist er ein Weckruf.

Folgen für Heilpraktiker und Ärzte

Diese Entwicklung bleibt nicht auf der Ebene von Ministerien und Papieren. Sie landet dort, wo Homöopathie tatsächlich stattfindet: in Praxen, im Gespräch mit Patienten, im Alltag von Heilpraktikern und Ärzten.

Für Heilpraktiker und Ärzte bedeutet diese Entwicklung den Verlust von Planungssicherheit. Wenn politische Rückendeckung fehlt, werden Erstattungen fragiler. Patienten werden verunsichert. Praxen geraten unter Rechtfertigungsdruck. In einer Phase institutionellen Rückzugs werden einzelne Praxen sichtbar – nicht aus Aktivismus, sondern weil sie die Folgen vor Ort abfedern müssen.

Wer glaubt, diese Entwicklung betreffe nur andere, verkennt die Dynamik. Wenn Krankenkassen Leistungen streichen, trifft es jede Praxis einzeln.

Folgen für Patienten

Für Patienten bedeutet diese Entwicklung den schleichenden Verlust einer Therapieoption, ohne dass darüber offen entschieden oder diskutiert wird. Homöopathie verschwindet nicht, weil sie widerlegt wurde, sondern weil sie nicht mehr verhandelt wird. Entscheidungen werden umgesetzt, ohne erklärt zu werden.

Folgen für Hersteller

Lange konnten sich Hersteller darauf verlassen, dass politische Zurückhaltung durch wirtschaftliche Stabilität ausgeglichen wird. Diese Phase geht zu Ende.

Für Hersteller entsteht ein trügerisches Zeitfenster. Solange Umsätze noch stabil sind, wirkt alles beherrschbar. Doch wenn Homöopathie politisch als erledigt gilt, verschiebt sich auch der regulatorische Rahmen. Wo Öffentlichkeit fehlt, greift Regulierung. Wer heute schweigt, wird morgen mit Entscheidungen konfrontiert, an denen er nicht beteiligt war.

Folgen für Verbände

Auch Verbände stehen vor einer neuen Situation. Nicht, weil sie ihre Aufgaben nicht erfüllen, sondern weil sich der politische Kontext verändert hat.

Wenn Politik sich zurückzieht und Verwaltung nicht zuhört, reicht interne Arbeit nicht mehr aus. Schweigen wird nach außen als Zustimmung gelesen. Nicht-Positionierung wird zur Position.

Was diese strukturelle Verschiebung für Betroffene außerhalb institutioneller Schutzräume bedeutet, lässt sich aus journalistischer und patientennaher Perspektive besonders deutlich erkennen.

Weckruf aus der Sicht eines Patienten und Gesundheitsjournalisten

Von Christian J. Becker

„Ich beobachte die politische und mediale Entwicklung rund um Homöopathie seit Jahren. Was sich aktuell verändert hat, ist nicht die Lautstärke der Kritik, sondern die Haltung der Entscheidungsträger. Früher wurde gestritten. Heute wird delegiert. Früher gab es Gegenargumente. Heute gibt es Zuständigkeitsverweise.

Parallel dazu wirkt die Homöopathie-Gemeinschaft auffallend nach innen gekehrt. Verbände kümmern sich um ihre internen Prozesse, Hersteller um ihr Tagesgeschäft, viele Ärzte und Heilpraktiker hoffen, dass sich die Lage von selbst stabilisiert. Patienten wiederum nehmen vor allem Verunsicherung wahr, ohne zu verstehen, was sich im Hintergrund strukturell verschiebt.

In dieser Situation werden einzelne Ärzte, Heilpraktiker und Patienten sichtbar, weil sie nicht auf institutionelle Stellvertretung warten können. Wer nicht organisiert ist oder sich nicht auf Verbandskommunikation verlassen kann, ist gezwungen, selbst öffentlich zu werden. Öffentlichkeit entsteht dann nicht aus Strategie, sondern aus Notwendigkeit.

Das Problem sind derzeit nicht Skeptiker oder Journalisten.
Das Problem ist, dass viele Betroffene darauf vertrauen, dass andere für sie sprechen werden.

Doch wenn niemand mehr widerspricht, wird Homöopathie nicht angegriffen, sondern einfach still entsorgt.“

Nach Veröffentlichung dieses Textes kann niemand mehr sagen, er habe es nicht gewusst. Niemand kann später behaupten, die Entwicklung sei überraschend oder alternativlos gewesen.

Homöopathie wird nicht durch einen großen Beschluss verschwinden, sondern durch Passivität. Wenn Politik nicht mehr gestaltet und Verwaltung nicht mehr zuhört, verlagert sich Verantwortung zwangsläufig. Sie liegt dann nicht mehr primär bei Institutionen, sondern bei den einzelnen Akteuren, die bereit sind, sichtbar zu bleiben.

Die Verteidigung der Homöopathie lässt sich nicht vollständig an Einzelne delegieren. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Lage, dass einzelne Stimmen dort wirksam werden, wo institutionelle Prozesse blockiert sind. Wissenschaftler, Ärzte, Heilpraktiker, Patienten sowie der Watchblog und seine aktiven Leser übernehmen damit eine Rolle, die eigentlich breiter getragen werden müsste.

Dieser Text ist kein Angriff und keine Kampagne:

Er ist ein Weckruf an die Homöopathie-Gemeinschaft.

Noch gibt es Praxen, die behandeln.
Noch gibt es Wissenschaftler, die sprechen.
Noch gibt es Verbände und Hersteller mit Einfluss.

Aber dieses Zeitfenster schließt sich.

Wer Homöopathie erhalten will, muss jetzt sichtbar werden.

Nicht später.
Nicht leise.

Sondern jetzt – mit Selbstbewusstsein.

Wer handelt, wird gesehen.
Wer sichtbar ist, wird gehört.
Wer gehört wird, hat Einfluss.

#rettedeinehomöopathie

 

Dieser Weckruf erfüllt noch eine weitere Funktion. Er nimmt Ausreden vorweg.

Nach Veröffentlichung dieses Textes kann keine Institution der Homöopathie- mehr plausibel sagen, sie habe von alledem nichts gewusst. Die Entwicklung ist seit Monaten benannt und öffentlich im Watchblog dokumentiert, die Akteure sind sichtbar, der Mechanismus ist beschrieben. Es ist festgehalten, wann Verantwortung abgegeben wurde und wohin sie verschoben wurde.

Dieser Text weist keine persönliche Schuld den Verbänden zu. Er tut etwas anderes: Er macht Zuständigkeiten kenntlich. Politik zieht sich zurück. Verwaltung erklärt sich für nicht zuständig. Verbände reagieren oder schweigen. Hersteller profitieren oder positionieren sich. Einzelne handeln – oder hoffen.

Nicht-Handeln ist damit keine neutrale Haltung mehr, sondern eine Entscheidung.

Der Weckruf entzieht künftigen Entlastungserzählungen der Verbände und Hersteller den Boden. Wer später sagt, es sei überraschend gekommen, es habe keine Alternative gegeben oder man habe keinen Einfluss gehabt, sagt das gegen eine dokumentierte Realität.

 


 

FAQ: Was ist jetzt konkret zu tun?

Was ist konkret zu tun für die Verbände?

Klartext:
Verbände müssen aus dem Schweigen heraus.

Konkret heißt das jetzt:

  1. Öffentliche Einordnung der neuen Lage
    Jeder Verband muss gegenüber seinen Mitgliedern schriftlich festhalten:
    – BMG zieht sich zurück
    – G-BA verweigert fachlichen Austausch
    – politische Steuerung endet
    – Kassen entscheiden allein über Homöopathie auf Basis von FinanzdatenDas ist keine Meinung, sondern Fakt.
  2. Benennung der Konsequenzen
    Verbände müssen sagen, was das real bedeutet:
    – für Erstattungen
    – für Planungssicherheit
    – für die politische Zukunft der Homöopathie
  3. Sichtbarkeit nach außen – nicht intern
    Mindestens eine sichtbare Stellungnahme pro Verband.
    Nicht Kampagne, nicht Petition – aber öffentlich nachvollziehbar.

👉 Schweigen ist ab jetzt eine Entscheidung gegen Sichtbarkeit.

Was ist konkret zu tun für die Hersteller?

Klartext:
Hersteller können sich nicht länger darauf verlassen, dass wirtschaftliche Stabilität politische Unsichtbarkeit kompensiert.

Konkret heißt das jetzt:

  1. Anerkennen, dass die Bedrohung nicht medizinisch, sondern administrativ ist
    Homöopathie wird nicht wegen neuer Evidenz infrage gestellt, sondern weil sie politisch und regulatorisch „abgehakt“ wird.
    Das betrifft Hersteller direkt, auch wenn Umsätze aktuell noch stabil sind.
  2. Öffentlich sichtbar machen, dass Verfahren statt Inhalte entscheiden
    Hersteller müssen nicht Wirksamkeit verteidigen,
    aber sie müssen klar benennen, dass wissenschaftliche Expertise und Marktrealität aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden.
  3. Sichtbarkeit herstellen – nicht Kampagnen
    Ein Interview, ein Fachbeitrag, ein offenes Wort gegenüber Politik oder Öffentlichkeit reicht.
    Schweigen signalisiert Zustimmung zur administrativen Entsorgung.
  4. Nicht länger darauf setzen, dass andere das Risiko tragen
    Wenn Verbände und einzelne Behandler exponiert sind, während Hersteller still bleiben, entsteht ein Ungleichgewicht.
    Das schwächt langfristig auch die wirtschaftliche Grundlage.

👉 Wer heute profitiert, aber nicht spricht, wird morgen reguliert, ohne gefragt zu werden.

Warum ist das für Hersteller jetzt zwingend?

Weil sich gerade entscheidet, ob Homöopathie als regulierter Marktbereich weiter existiert
oder ob sie politisch als erledigt gilt – mit Folgen für:

Das ist keine ideologische Frage, sondern eine Standort- und Geschäftsfrage.

Kurzfassung für Hersteller

Der Weckruf richtet sich auch an Sie.
Nicht, um zu mobilisieren – sondern um sichtbar zu machen,
dass Homöopathie kein stiller Verwaltungsfall ist.

Was ist konkret zu tun für einzelne Ärzten und Heilpraktiker?

Klartext:
Nicht alle müssen laut sein – aber es müssen genug sein.

Konkret heißt das:

  1. Nicht mehr beschwichtigen
    In Praxis, Kollegenkreis, Öffentlichkeit nicht mehr sagen:
    „Das legt sich schon.“
    Sondern:
    „Die Rahmenbedingungen ändern sich gerade grundlegend.“
  2. Mindestens eine bewusste Entscheidung treffen
    – Bleibe ich bewusst still?
    – Oder äußere ich mich sachlich?
    Beides ist legitim. Unbewusstes Schweigen nicht mehr.
  3. Einzelne Stimmen werden notwendig
    Wenn Institutionen nicht sprechen, müssen Einzelne sichtbar werden,
    sonst existiert die Homöopathie öffentlich nicht mehr.

👉 Der Weckruf sagt ausdrücklich:
Es reicht nicht, wenn alle darauf hoffen, dass andere sprechen.

Was ist konkret zu tun für die Wissenschaftler?

Klartext:
Fachliche Expertise darf sich nicht ins Private zurückziehen.

Konkret heißt das:

👉 Wissenschaft, die nicht mehr gehört wird, muss sichtbar machen, dass sie ausgeschlossen wird.

Was ist konkret zu tun für die Patienten?

Klartext:
Nicht protestieren – nachfragen und benennen.

Konkret heißt das:

Warum reicht „abwartendes Verhalten“ jetzt nicht mehr?

Weil Homöopathie nicht offen bekämpft, sondern still abgewickelt wird.

Wenn:

dann verschwindet Homöopathie, ohne dass jemand verantwortlich war.

Genau das benennt der Weckruf – und genau das soll verhindert werden.

Kurzfassung, unmissverständlich

Der Weckruf fordert:

Nicht alle müssen alles tun.


Aber niemand in den Institutionen kann mehr so tun, als müsse er gar nichts tun.

Die mobile Version verlassen