Viele Heilpraktiker schreiben mir derzeit zwei Dinge. Entweder: „Die Verbände sind das Problem, sie können keine Öffentlichkeitsarbeit.“ Oder: „Die Heilpraktikerschaft hat kein Budget für PR und Politikkommunikation.“
Beides sind Behauptungen. Beides lässt sich anhand öffentlich zugänglicher Fakten zumindest teilweise überprüfen.
Journalisten arbeiten wie Heilpraktiker und Ärzte mit Fallstudien. Sie vergleichen Akteure, Methoden und Ergebnisse. In diesem Artikel untersuche ich deshalb die Presse- und politische Kommunikation zweier Heilpraktikerverbände: des Bundes Deutscher Heilpraktiker (BDH) und des Deutschen Dachverbands für Heilpraktiker (DDH) bzw. des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker (FDH).
Die Untersuchung ist mit keinem der beiden Verbände abgestimmt. Das ist bewusst so, um eine nachträgliche Einflussnahme auf Inhalt und Bewertung zu vermeiden.
Methodik der Untersuchung
Untersucht wird ausschließlich öffentlich zugängliche Kommunikation im Zeitraum 2024/2025. Grundlage sind:
– die Websites der Verbände
– veröffentlichte Medienbeiträge
– Presseinformationen
– persönliche journalistische Anfragen und die darauf erfolgten Reaktionen
Nicht untersucht werden interne Gespräche, vertrauliche Kontakte oder nicht dokumentierte Aktivitäten. Der Maßstab ist nicht die erklärte Absicht eines Verbandes, sondern die öffentliche Sichtbarkeit seiner Aktivitäten.
Die Untersuchung folgt zwei einfachen Kriterien:
Was wurde kommunikativ getan?
Was kam dabei öffentlich nachvollziehbar heraus?
Ergänzend wird betrachtet, welche finanziellen Mittel den Verbänden laut öffentlich zugänglichen Angaben zur Verfügung stehen.
Die Budgets: sehr unterschiedlich, öffentlich einsehbar
Die finanziellen Rahmenbedingungen der beiden Verbände unterscheiden sich erheblich.
Für das Jahr 2024 weist der BDH in den Rechenschaftsberichten beim Deutschen Bundestag ein Budget von über 1 Million Euro aus (1.026.028 Euro).
Der DDH verfügt laut denselben öffentlich einsehbaren Bundestagsunterlagen über ein Budget von rund 4.800 Euro.
Diese Zahlen sind öffentlich zugänglich. Sie werden hier nicht bewertet, sondern dienen als Ausgangslage für die Frage:
Ist professionelle Pressearbeit eine Frage des Geldes – oder der Strategie?
Was ist Pressearbeit? Eine notwendige Klarstellung
Pressearbeit besteht vereinfacht dargestellt aus zwei Bereichen:
Aktive Pressearbeit
Verbände treten aktiv an Journalisten heran, versenden Presseinformationen, rufen an, bieten Themen an und machen Vorschläge, wie aktuelle Entwicklungen journalistisch eingeordnet werden können.
Reaktive Pressearbeit
Verbände beantworten Anfragen von Journalisten, schriftlich oder telefonisch, zeitnah und zitierfähig.
Eine Pressemitteilung, die ausschließlich auf der eigenen Website veröffentlicht wird, ohne aktive Ansprache von Journalisten, gilt nach gängiger journalistischer Praxis nicht als Pressearbeit, sondern als interne Mitgliederkommunikation, die vor allem der Dokumentation gegenüber den eigenen Mitgliedern dient.
Aktive Pressearbeit: ein Praxisvergleich
Ich berichte seit Jahren journalistisch zu den Themen Heilpraktiker, Homöopathie und Gesundheitspolitik – mit eigenen Medien.
Im untersuchten Zeitraum habe ich erhalten:
– vom BDH: keine Presseinformation, keinen Themenvorschlag, keinen Anruf mit Themenangebot.
– Die aktuellste Presseinfo des BDH auf seiner Website in der Rubrik Aktuelle Informationen für die Presse stammt vom 23.9.2024.
– vom FDH/DDH: regelmäßig seit Jahren (etwa monatlich) Presseinformationen, Einordnungen und Themenangebote
Zum Vergleich: Als Gesundheitsjournalist erhalte ich täglich zwischen 50 und 100 Pressemitteilungen aus der Gesundheitswirtschaft – vor allem von Verbänden, Unternehmen und politischen Akteuren.
Aus dem Bereich Heilpraktiker und Homöopathie stammen diese Informationen im untersuchten Zeitraum nach meiner journalistischen Wahrnehmung ausschließlich vom FDH.
Dies ist keine Bewertung, sondern eine Beschreibung dessen, was bei mir als Journalist tatsächlich angekommen ist.
Reaktive Pressearbeit: zwei konkrete Beispiele
Fall 1: BDH
Am 21. Januar 2026 habe ich dem BDH eine Presseanfrage geschickt.
Die Antwort von BDH-Präsident Christian Blumbach lautete sinngemäß am 22.1.:
Der BDH kommentiere Beiträge und Fragestellungen privater Blogs grundsätzlich nicht.
Eine inhaltliche Stellungnahme erfolgte nicht. Seine ausführliche Äußerung, wie er Pressearbeit versteht, habe ich hier dokumentiert.
Fall 2: FDH
Im Zusammenhang mit dem Grünen-Bundesparteitag habe ich dem FDH eine Presseanfrage zur Bewertung des Beschlusses gegen Homöopathie und Binnenkonsens gestellt.
Die Antwort erfolgte innerhalb weniger Stunden. Die Stellungnahme war zitierfähig und wurde veröffentlicht.
Zum Vergleich:
Eine Presseanfrage an den gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Christos Pantazis, zum Thema Zusatzleistungen und Homöopathie wurde ebenfalls innerhalb weniger Stunden beantwortet. Entsprechendes gilt für Anfragen an Vertreter des Kanzleramts, der Union sowie der Opposition.
Zwischenergebnis: Pressearbeit ist keine Budgetfrage
Der Vergleich zeigt ein klares Bild:
– Beim BDH ist aktive Pressearbeit öffentlich sichtbar kaum dokumentiert. Sie endete laut Webseite des BDH im September 2024
– Reaktive Pressearbeit mit Presseanfragen wird gegenüber einzelnen Journalisten ausdrücklich verweigert.
– Das verfügbare Budget liegt bei über 1 Million Euro.
– Beim DDH/FDH sind aktive und reaktive Pressearbeit öffentlich sichtbar dokumentiert und institutionalisiert.
– Presseanfragen werden beantwortet.
– Das verfügbare Budget liegt bei rund 4.800 Euro.
Das legt nahe:
Pressearbeit ist keine Frage des Budgets, sondern der Kompetenz, der Haltung zur Öffentlichkeit und des Verständnisses journalistischer Arbeit.
Ein notwendiger Hinweis zur Perspektive
Diese Untersuchung beschreibt ausschließlich das, was bei mir als Journalist öffentlich sichtbar – z.B. auf Websites oder in Blogs – und journalistisch wahrnehmbar geworden ist.
Es ist theoretisch möglich, dass hinter den Kulissen intensive Gespräche stattfinden, exklusive Hintergrundrunden existieren oder vertrauliche Medienkontakte gepflegt werden.
Sollte der BDH-Chef beispielsweise regelmäßig mit Chefredakteuren frühstücken und an Titelgeschichten arbeiten, wäre das journalistisch hochrelevant.
Dass dieser Satz einen Hauch Ironie enthält, ist beabsichtigt.
Für diese Analyse gilt jedoch:
Was nicht öffentlich sichtbar oder journalistisch wahrnehmbar ist, entfaltet keine öffentliche Wirkung.
Vorläufiges Fazit
Der Vergleich zwischen BDH und DDH/FDH zeigt:
– Wirksame Pressearbeit ist kein Kostenproblem.
– Sie ist eine Frage von Strategie, Kompetenz und dem Verständnis von Öffentlichkeit.
– Verbände können Medien als Chance begreifen – oder als Risiko meiden.
Welche Haltung ein Verband einnimmt, prägt seine öffentliche Wahrnehmung nach außen deutlich stärker als sein Budget.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist keine persönliche, sondern eine strukturelle:
Wollen Verbände öffentliche Debatten gestalten – oder ihnen ausweichen?
Diese Frage entscheidet darüber, ob ein Berufsstand sichtbar bleibt oder schrittweise aus dem öffentlichen Diskurs verschwindet.
Vergleich der Presse- und Politikkommunikation
BDH vs. DDH/FDH – vier Fallstudien
Methodik
Journalisten arbeiten wie Ärzte und Heilpraktiker: mit Fallstudien.
In diesem Beitrag vergleiche ich die öffentliche Presse- und Politikkommunikation zweier Heilpraktikerverbände:
– Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH)
– Deutscher Dachverband für Homöopathie (DDH) / Freier Deutscher Heilpraktikerverband (FDH)
Der Vergleich ist nicht abgesprochen, um Verzerrungen zu vermeiden.
Untersucht wurde ausschließlich öffentlich zugängliche Kommunikation: Websites, veröffentlichte Stellungnahmen, dokumentierte Aktionen, mediale Reaktionen sowie persönliche journalistische Anfragen.
Bewertet werden drei Punkte:
Was wurde öffentlich getan?
Wie wurde es umgesetzt?
Welche sichtbare Wirkung hatte es?
Nicht bewertet werden interne Gespräche, vertrauliche Kontakte oder nicht veröffentlichte Maßnahmen.
Es folgen vier Fallstudien zu aktuellen Themen im zweiten Teil dieser Analyse.
Demnächst.

