Über Wochen war die Diskussion um die Rolle der Heilpraktiker-Verbände und der Hersteller homöopathischer Arzneimittel vor allem eines: still. Stellungnahmen blieben aus, Reaktionen verlagerten sich in interne Kommunikationskanäle oder fanden gar nicht statt. Inzwischen zeigt sich jedoch eine Veränderung. Leser des Homoeopathiewatchblogs und des Heilpraktiker-Newsblogs beginnen, sich öffentlich zu äußern – mit Namen, mit Haltung und mit klaren Erwartungen.
Kommentare aus den vergangenen Tagen markieren diesen Punkt. Sie stammen von Patienten, Heilpraktikern und Ärzten. Gemeinsam ist ihnen, dass Verantwortung nicht mehr abstrakt verortet wird, sondern konkret: bei Verbänden und bei Herstellern.
Patienten benennen Versäumnisse der Interessenvertretung
Thomas Wegmann beschreibt sich als langjährigen Nutzer homöopathischer Arzneimittel. Seine persönliche Zufriedenheit mit den Ergebnissen verbindet er mit scharfer Kritik an den berufsständigen Verbänden. Er schreibt, er sei „entsetzt zu sehen, wie die sog. berufsständigen Verbände die Probleme – schon seit vielen Jahren, aber insbesondere in den letzten Wochen – ignorieren, totschweigen, sich hinter Plattitüden verstecken und so tun, als sei alles in Ordnung“.
Wegmann zieht daraus eine klare Konsequenz. Wäre er Mitglied eines solchen Verbandes, würde er „mit sofortiger Wirkung austreten“. Er schreibt: „Aber vielleicht wacht der eine oder andere ja noch rechtzeitig auf, bevor er wegen Passivität von der Bildfläche verschwindet (Abstimmung mit den Füßen ist ja manchmal ganz hilfreich).“ Ein Berufsverband, der seine Mitglieder nicht transparent, engagiert und offensiv in der öffentlichen Debatte vertrete, habe aus seiner Sicht „eine Existenzberechtigung verwirkt“.
Schweigen wird nicht länger als Neutralität gelesen
In eine ähnliche Richtung argumentiert Tiziana Lago-Schaaf. Sie beschreibt die aktuelle Situation als verpasste Chance. Die Debatte hätte aus ihrer Sicht genutzt werden können, um Mitglieder umfassend zu informieren und zu vertreten. Stattdessen entstehe der Eindruck, „wir sind Schafe, die von oben geführt werden wollen“.
In einem weiteren Kommentar präzisiert sie diesen Punkt. Zwar arbeiteten viele Vorstände ehrenamtlich und zusätzlich zu ihrer täglichen Arbeit, dennoch müsse es Transparenz geben. Als Mitglied fühle man sich „nicht wirklich unterstützt und vertreten“. Dass viele Heilpraktiker keinem Verband beiträten, wundere sie deshalb nicht.
Kritik kommt auch aus der Ärzteschaft
Auch Dr. Michael Blum, Arzt, meldet sich in den Kommentaren zu Wort. Er bedankt sich ausdrücklich für die journalistische Arbeit zur „Wahrung unserer großartigen Heilmethode vor den Dampfwalzen der Pharma-Giganten“ und für die Offenlegung von Hintergründen. Wenn sich Verbände durch ehrlichen Journalismus und berechtigte Kritik angegriffen fühlten, hätten sie aus seiner Sicht „ihre Aufgabe nicht verstanden“.
Blum formuliert damit einen Anspruch, der über Standesgrenzen hinausweist: Interessenvertretung bedeute nicht Abschottung, sondern Auseinandersetzung mit öffentlicher Kritik.
Auch innerhalb der Heilpraktikerschaft wächst die Selbstkritik
Frank Ulbrich beschreibt ein strukturelles Problem innerhalb der Szene. Viele wollten „in ihrer Heile-Welt-Blase bleiben und nicht gestört werden“. Das betreffe nicht nur einzelne Heilpraktiker, sondern auch deren Verbände. Der Glaube, man könne Konflikte aussitzen, sei weit verbreitet – und zugleich riskant. Als einzige Ausnahme wird der aktive Verband DDH/FDH gelobt, u.a. von Peter-Alexander Wiume.
Die Frage nach den Herstellern wird öffentlich gestellt
Bernd Weiss erweitert die Debatte um eine weitere Ebene. Er fragt offen, warum die Hersteller homöopathischer Arzneimittel so still seien, obwohl sie doch ein zentrales wirtschaftliches Interesse am Erhalt ihrer Produkte haben müssten. Normalerweise, so Weiss, seien Interessenvertretungen in vergleichbaren Fragen sehr präsent.
Sein Vergleich mit ärztlichen Organisationen ist bewusst gewählt. Warum funktioniere Interessenvertretung dort sichtbar, hier aber nicht? Ob er mit dieser Einschätzung falsch liege, fragt Weiss ausdrücklich – und stellt damit eine Frage, die bislang kaum öffentlich gestellt wurde.
Evers: Passivität stärkt die Gegenseite
Ralf Massanes Evers, dessen Fragen an Heilpraktikerverbände im Watchblog dokumentiert wurden, ordnet die Schweigsamkeit strategisch ein. Seine Kritik richtet sich weniger an einzelne Personen als an die Wirkung nach außen. Wer in einer Phase zunehmender Angriffe nicht sichtbar kommuniziere, überlasse das Feld anderen.
Zwischen den Zeilen wird deutlich, was mehrere Kommentatoren teilen: Passivität ist keine neutrale Haltung. Sie hat Folgen.
Eine Debatte von unten – mit Namen und Haltung
Auffällig an all diesen Kommentaren ist nicht nur ihr Inhalt, sondern ihre Form. Die Autoren nennen ihre Namen, schildern ihre Perspektiven und formulieren Erwartungen. Patienten, Heilpraktiker und Ärzte beginnen, öffentlich auszusprechen, was lange intern blieb.
Damit verschiebt sich die Debatte. Sie wird nicht mehr allein durch Presseanfragen oder politische Entscheidungen bestimmt, sondern zunehmend durch Stimmen aus der Basis. Verbände und Hersteller stehen damit vor einer neuen Situation: Nicht nur Journalisten stellen Fragen. Die eigenen Mitglieder und Patienten tun es ebenfalls.
Ob und wie darauf reagiert wird, bleibt offen. Sichtbar ist jedoch bereits jetzt: Das Schweigen wird wahrgenommen – und es wird nicht mehr widerspruchslos akzeptiert.

