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Mobilisierung oder Abtauchen: Die beiden Strategien von Heilpraktiker-Verbänden zum GKV-Aus der Homöopathie / Analyse FDH, BDH, VKHD, Freie Heilpraktiker, Fakom

homöopathie

Seit dem 16. April liegt ein konkreter Gesetzentwurf auf dem Tisch, der Homöopathie und Anthroposophie aus der gesetzlichen Krankenversicherung drängen soll. Die politische Lage ist klar, die Fristen laufen – am 29. April entscheidet das Kabinett, am 10. Juli der Bundestag. Und plötzlich zeigt sich ein bemerkenswertes Bild:

Die Heilpraktiker-Verbände reagieren sehr unterschiedlich. Einige gehen in die Offensive. Andere wirken, als hätten sie die Lage noch gar nicht erfasst. Hier eine Analyse der Aktivitäten von FDH, VKHD, BDH, Freie Heilpraktiker und Fakom. Diese Verbände hatte ich um eine Einschätzung gebeten. Diese Verbände vertreten Heilpraktiker, die homöopathisch tätig sind.

Größter Heilpraktikerverband FDH mobilisiert

Der Fachverband Deutscher Heilpraktiker (FDH), mit rund 7.000 Mitgliedern der größte Berufsverband, wählt den direkten Weg in die Öffentlichkeit. Präsidentin Ursula Hilpert-Mühlig ruft die gesamte Kollegenschaft zu konkretem Handeln auf.

In einem Schreiben, das an Landesverbände, Mitglieder und weitere Verbände verbreitet wurde, setzt der FDH auf Tempo und Sichtbarkeit. Der Ton ist klar: Jetzt ist die entscheidende Phase. Wer jetzt nicht handelt, überlässt anderen die Deutung über die eigene Arbeit. Die Präsidentin hatte auch den Heilpraktiker-Newsblog und Homooeopathiewatchblog gebeten, ihr Schreiben zu veröffentlichen. Dieser Bitte bin ich gern nachgekommen (Link).

Der Verband setzt dabei nicht auf abstrakte Positionen, sondern auf konkrete Werkzeuge. Offener Brief, direkte Anschreiben an politische Entscheider, niedrigschwellige Beteiligung. Die Kampagne #rettedeinehomöopathie wird aktiv eingebunden. Ziel ist es, innerhalb weniger Wochen spürbaren politischen Druck zu erzeugen.

Bemerkenswert ist auch die Kommunikationsstrategie: Der FDH sucht bewusst Öffentlichkeit, bindet externe Plattformen ein und versucht, Reichweite zu bündeln. Das ist Mobilisierung in einem laufenden Gesetzgebungsverfahren.

VKHD: Rückblick statt Reaktion (mit noch 889 Mitgliedern, Mitgliederschwund minus 36 Prozent in drei Jahren)

Ganz anders wirkt der Newsletter des Verband Klassischer Homöopathen Deutschlands (VKHD) vom 23. April. Statt die aktuelle politische Lage zu analysieren, dominieren bekannte Argumentationsmuster. Im Zentrum steht der „Australian Report“ von 2015. Eine Debatte, die seit Jahren geführt wird, wird erneut aufgegriffen, als sei sie der Kern des aktuellen Konflikts.

Die konkrete Gesetzeslage, die Rolle des Gemeinsamer Bundesausschuss oder die Dynamik des parlamentarischen Verfahrens spielen praktisch keine Rolle. Auch die zeitliche Dringlichkeit taucht nicht auf. Stattdessen mischt sich die GKV-Reform in einen Themenmix aus Nachrufen, Fortbildung und grundsätzlichen Überlegungen zu Hahnemann.

Der Effekt ist deutlich: Ein akuter politischer Eingriff wird kommunikativ wie eine alte Grundsatzdebatte behandelt. Es fehlt jede Priorisierung. Es fehlt jede strategische Einordnung. Und es fehlt vor allem ein konkreter Handlungsaufruf an die eigene Basis.

Fazit: Es fehlt jegliche eigene Aktivität des VKHD, um das GKV-Aus von Homöopathie und Anthroposophie zu verhindern. Anstatt dessen beschäftigen sich die VKHD-Vorstände Stefan Reis, Ralf Dissemond, Carl Classen in ihrem Newsletter mit Aktionen, die Monate lang zurückliegen und zu denen der Verband bislang geschwiegen hatte – und bewerten diese nachträglich negativ (Böhmermann Beschwerdeverfahren).

Laut Lobbyregister des Deutschen Bundestages ist der VKHD in das Register eingetragen (Link). Das bedeutet konkret, dass der Verband gegenüber dem Bundestag angibt, politisch zum Thema Homöopathie die Heilpraktikerschaft und seine Mitglieder aktiv mit politischer Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit zu vertreten.

Manche Themen fehlen im Newsletter: Zahlreiche Ex-Mitglieder des Verbandes hatten sich an mich gewandt und um Fragen an ihren Ex-Verband gebeten. Ich hatte daher die drei Vorstände in einer Presseanfrage gefragt, was sie gegen den massiven Mitgliederschwund des Verbandes in den letzten Monaten unternehmen und wie sie dies erklären. Keine Antwort.

Der Verband VKHD hat laut Lobbyregister des Bundestages noch 889 Mitglieder – laut Eigenangaben des Verbandes an den Bundestag (Stand 2025). Im Jahr 2022 hatte der VKHD noch 1.400 Mitglieder laut Verbandsangaben. Das entspricht einem Mitgliederschwund von minus 36 Prozent in drei Jahren.
Der Verband VKHD hat Einnahmen über seine Mitglieder in Höhe von ca. 222.000 Euro laut Angaben des Verbandes gegenüber dem Lobbyregister des Bundestages. Davon gibt der Verband laut Lobbyregister etwa 148.000 Euro für Personal- und Reisekosten aus (drei Vorstände, Angestellte), das entspricht 67 Prozent der Mitgliedseinnahmen. Demzufolge bezahlt jedes Mitglied etwa 250 Euro Mitgliedsgebühren. 67 Prozent der Mitgliedsgebühren investieren die Mitglieder in die oben beschriebenen Aktivitäten ihres dreiköpfigen Vorstandes. Demzufolge investiert jedes VKHD-Mitglied persönlich 167 Euro der 250 Euro Mitgliedsgebühren in die Aktivitäten u.a. von Stefan Reis, Ralf Dissemond und Carl Classen.
Einem Wirtschaftsprüfer würde bei der beim Lobbyregister veröffentlichte Bilanz des Verband Klassischer Homöopathen Deutschlands (VKHD) vor allem die Struktur auffallen: Der Verband schreibt ein deutliches Minus. Ein Großteil der Ausgaben fließt in Personal wie Vorstand und Raumkosten, also in den eigenen Apparat und die Selbstverwaltung, während konkrete Aktivitäten nach außen finanziell kaum sichtbar werden. Gleichzeitig ist der Fixkostenanteil hoch, die Kosten sind nur begrenzt flexibel. Auffällig ist zudem, dass dieser Fixkostenblock bislang nicht an die rückläufigen Mitgliedereinnahmen angepasst wurde.

Die Finanzstruktur des VKHD entspricht genau seinem Auftreten: Ein Verband mit starkem Fokus auf interne Arbeit und fachliche Selbstorganisation, aber ohne erkennbaren finanziellen Schwerpunkt auf politische Interessenvertretung in einer Phase, in der genau diese entscheidend wäre. Die Bilanz zeigt eindrucksvoll in Verbindung mit den Newslettern der drei Vorstände, dass der Verband strukturell nicht auf politische Krisensituationen ausgerichtet ist.

 

Presseanfragen: Schweigen oder Abwehr von VKHD, BDH, Freie Heilpraktiker und Fakom

Noch klarer wird das Bild bei den Reaktionen von Heilpraktikerverbänden auf konkrete Presseanfragen von Journalisten.

Ich hatte mich im April an die fünf Heilpraktiker-Verbände FDH, VKHD, BDH, Freie Heilpraktiker und Fakom gewandt und gefragt, wie sie die Relevanz des GKV-Aus der Homöopathie und Anthroposophie für ihre Mitglieder einschätzen und ob und wie sie aktiv werden für die Homöopathie-Gemeinschaft und ihre Heilpraktiker. Die Antworten und Aktivitäten des FDH können Sie oben im Schreiben der Präsidentin des Verbandes lesen.

Welche Antworten gaben BDH, VKHD, Freie Heilpraktiker und Fakom?

Die folgenden angefragten vier Heilpraktiker-Verbände hatten keine Antworten zum GKV-Aus der Homöopathie und konnten keine Aktivitäten vermelden:
VKHD (angefragt habe ich die Vorstände Stefan Reis, Carl Classen, Ralf Dissemond am 14.4.),
BDH (angefragt: Vorstand Christian Blumbach am 14.4.),
Freie Heilpraktiker (angefragt: Vorstand Dieter Siewertsen am 16.4.),
Fakom (angefragt: Vorstand Andreas Domes am 16.4.).

Da die Verbände BDH, VKHD, Freie Heilpraktiker und Fakom sich laut ihrer Website mit PR und politischen Aktivitäten für Heilpraktiker einsetzen, die homöopathisch behandeln, bin ich als Journalist davon ausgegangen, dass sie Antworten für ihre Mitglieder haben und Aktivitäten für die Homöopathie und Heilpraktiker planen. Daher mache ich transparent, dass sich meine Annahme nicht bestätigt hat: Die Verbände VKHD, BDH, Freie Heilpraktiker und Fakom haben keine Antworten und können keine Aktivitäten als Reaktion auf die Empfehlung der Finanzkommission und Entscheidung der Bundesregierung gegen Homöopathie und Anthroposophie vermelden.

BDH und VKHD haben jeweils eine – nicht inhaltliche, nur formale – Antwort.

Christian Blumbach schrieb mir als Präsident des Verbandes BDH: „Der BDH kommentiert Beiträge und Fragestellungen privater Blogs grundsätzlich nicht. Auch zu den von Ihnen aufgeworfenen Themenkomplexen geben wir keine Einzelstellungnahmen ab.“

VKHD-Vorstand Carl Classen schrieb mir: „Aufgrund Ihrer auch jüngst wieder fortgesetzten Praxis … muss ich einer solchen Zusammenarbeit leider absehen. Überlegen Sie sich vielleicht noch einmal, für welche Seite Sie eigentlich arbeiten wollen. Beste Grüße,  Carl Classen.“

Es fällt auf, dass die Reaktionen des BDH (Vorstand Christian Blumbach) und VKHD (Vorstand Carl Classen) auf eine sachliche Presseanfrage nicht dem üblichen professionellen Umgang von Verbänden mit journalistischen Anfragen entsprechen und inhaltlich keine Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen erkennen lassen. Für Verbände wie BDH und VKHD, die laut eigener Darstellung politische Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit für ihre Mitglieder leisten, wirft dieser Umgang mit Journalisten jedoch Fragen nach ihrer tatsächlichen Kommunikationsfähigkeit und -bereitschaft für ihre Mitglieder im Rahmen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und politischen Kommunikation auf.

Zwei Welten der Heilpraktiker-Verbände

Damit zeigen sich zwei deutlich unterschiedliche Reaktionsmuster zum GKV-Aus der Homöopasthie.

Auf der einen Seite steht Mobilisierung des FDH: schnelle Kommunikation, konkrete Aktionen, sichtbare Ansprache von Politik und Öffentlichkeit.

Auf der anderen Seite steht Selbstbeschäftigung oder Rückzug von VKHD, BDH, Freie Heilpraktiker, Fakom: alte Argumente, interne Themen, keine erkennbare politische Strategie.

Für die politische Phase, in der sich das Gesetz jetzt befindet, ist das mehr als ein Stilunterschied. Es ist eine Frage der Wirksamkeit.

Denn die Entscheidung wird nicht in Grundsatzdebatten fallen, sondern in den nächsten Wochen im parlamentarischen Verfahren.

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