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Wie und warum die Homöopathie-Verbände das GKV-Aus mit ermöglicht haben: Neun Gründe

Die Antwort von Simone Borchardt als gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion am 7.4. auf eine Frage zur Finanzkommission bringt eine Klarheit in die Debatte (Link), die es so bislang nicht gab. Homöopathie gilt aus Sicht der Politik als nicht evidenzbasiert – und damit als Leistung ohne Platz in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Das ist keine offene Frage mehr. Das ist eine politische Festlegung.

Die Folge: Die Messe ist gelesen. Das GKV-Aus ist zu 99 % beschlossen, der Gesetzgebungsprozess läuft nur noch nach. Vor der Sommerpause wird das Gesetz beschlossen, ab 1.1.27 gilt das GKV-Aus bei Krankenkassen voraussichtlich.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die Homöopathie aus der GKV gestrichen wird. Sondern: Wie konnte es so weit kommen? Die Anwort in Kürze: Die Homöopathie-Verbände haben mit der Strategie gearbeitet „Nichts sehen, Nichts hören, Nichts sagen, Nichts machen“.

Wer sich ein eigenes Bild der Strategie der homöopathischen Verbände machen, der findet hier einen Auflistung der Aktivitäten der Verbände: Link. 

Hier eine Analyse.

1. Der entscheidende Punkt: Die Deutungshoheit ging verloren

Der zentrale Begriff dieser Debatte ist „evidenzbasiert“. Die Politik verwendet ihn heute als klaren Maßstab: Was evidenzbasiert ist, bleibt. Was es nicht ist, fällt heraus.

Die Homöopathie-Verbände haben es über Jahre nicht geschafft, diesen Begriff für sich zu definieren oder auch nur wirksam zu erweitern. Stattdessen haben sie ihn defensiv übernommen – und damit akzeptiert, dass andere festlegen, was darunter zu verstehen ist.

Das Ergebnis ist sichtbar: Der Begriff wurde verengt – und politisch gegen die Homöopathie gewendet.

2. Falsche Ebene: Argumente statt Systemlogik

Die Homöopathie-Verbände haben über Jahre argumentiert:

Die Politik hat längst auf einer anderen Ebene entschieden:

Diese Ebenenverschiebung wurde nicht erkannt oder nicht bearbeitet.

Während die Homöopathie-Verbände sagten: „Homöopathie wirkt“, entschied die Politik: „Was gehört ins System?“

3. Der Begriff „Evidenz“ wurde kampflos abgegeben

Ein entscheidendes Versäumnis liegt im Umgang mit dem Evidenzbegriff.

Evidenzbasierte Medizin umfasst drei Säulen:

Diese Breite wurde von den Homöopathie-Verbänden nicht offensiv vertreten. Stattdessen wurde zugelassen, dass „evidenzbasiert“ politisch auf Studien reduziert wird.

Damit war die Grundlage der Entscheidung bereits verschoben – lange bevor sie getroffen wurde.

4. Keine Konfliktfähigkeit gegenüber der Politik

Die Homöopathie-Verbände haben auf Dialog gesetzt:

Was gefehlt hat:

klare Gegenpositionen

Das hatte eine direkte Folge:

Die Politik konnte ihre Linie gegen Homöopathie formulieren, ohne einen politischen Preis zu zahlen.

5. Keine öffentliche Mobilisierung

Während die Skeptiker als Gegner der Homöopathie über Jahre präsent waren, fehlte auf der anderen Seite der Homöopathie-Verbände:

Es gab keine breite Bewegung, keine erkennbare Dynamik.

Damit blieb das Thema politisch leicht angreifbar.

6. Nähe wurde mit Einfluss verwechselt

Ein strukturelles Problem zeigt sich in der Selbstwahrnehmung der Homöopathie-Verbände.

Erfolg wurde oft definiert als:

Das wurde als Einfluss interpretiert.

Tatsächlich ist es nur Zugang. Entscheidend wäre gewesen, ob dieser Zugang genutzt wird, um politische Entscheidungen zu verändern. Genau das ist nicht erkennbar.

7. Keine Vorbereitung auf den Systembruch

Ein weiteres Versäumnis liegt im Umgang mit Risiken.

Die Homöopathie-Verbände hatten keine erkennbare Strategie für den Fall, dass die Homöopathie aus der GKV fällt:

Die Reaktion erfolgt erst jetzt – zu einem Zeitpunkt, an dem die politische Linie bereits steht.

8. Keine einheitliche Linie

Die Kommunikation der Homöopathie-Verbände ist fragmentiert:

Das führt zu:

Politik reagiert auf klare, konsistente Signale. Diese fehlen.

9. Die Gegner der Skeptiker und Anti-Homöopathie-Lobby wurden von den Homöopathie-Verbänden unterschätzt

Die Gegenseite hat über Jahre:

Diese Entwicklung wurde von den Homöopathie-Verbänden nicht ernst genug genommen.

Das Ergebnis ist eine stabile Gegenposition, der kaum etwas entgegengesetzt wurde.

Das Ergebnis: Eine politische Entscheidung ohne Widerstand

All diese Faktoren führen zu einem klaren Bild:

Das ermöglicht genau das, was jetzt passiert:

Eine strukturelle Entscheidung – ohne nennenswerte Gegenkraft.

Fazit

Die Aussagen von Simone Borchardt zeigen nicht nur, wie die Politik die Homöopathie bewertet. Sie zeigen auch, dass diese Bewertung über Jahre entstehen konnte – ohne wirksame Gegenstrategie der Homöopathie-Verbände. Die Homöopathie wird aus der GKV gestrichen, weil sie politisch als nicht evidenzbasiert gilt.

Und dieses Narrativ konnte sich durchsetzen, weil die Homöopathie-Verbände es nicht verhindert haben.Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht die aktuelle Entscheidung. Der entscheidende Punkt ist, dass sie lange vorbereitet war – und kaum jemand sie aufgehalten hat.

Nun werden sich die homöopathischen Verbände – die Patienten und Ärzte sowie Hersteller vertreten –  BPH, DZVHAE und weils hilft und die Verbände der Homöopathie-Hersteller wie Pharma Deutschland (mit DHU als Gremiumsleitung) und BPI Fragen ihrer Mitglieder gefallen lassen müssen.

Im ersten Artikel des Homoeopathiewatchblog über die Bloggründung vom 17.9.2018 (Link) habe ich als ein Ziel des Blogs geschrieben: „Ziel des Blogs: Die Homöopathie-Gemeinschaft aktivieren, sich für die Homöopathie einzusetzen. Ziel muss es sein, dass die Homöopathie-Verbände eine Homöoopathie-Kampagne starten, um die Homöopathie in der Politik positiv zu vertreten und die Kampagne der Homöopathie-Gegner zu neutralisieren.“ Diese Botschaft habe ich seitdem in über 1.000 Artikeln wiederholt.

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