In mehreren deutschen Städten haben Ärzte in den vergangenen Tagen ihre Praxen verlassen und sind gemeinsam auf die Straße gegangen. Mit den Aktionen unter dem Motto „Weißkittel gehen durch die Innenstädte“ protestieren Ärzte gegen das von der Bundesregierung geplante GKV-Aus der Homöopathie und anthroposophischer Arzneimittel. Der Homoeopathiewatchblog hatte über die Aktionen in Köln, Kassel, Lübeck und weiteren Städten berichtet (Link).
Eine der Teilnehmerinnen war die Aachener Allgemeinmedizinerin und Ärztin für Homöopathie Dr. Nicole Braunen. Sie beteiligte sich an der Aktion in Köln und stellte sich gemeinsam mit Kollegen öffentlich gegen die Streichungspläne der Bundesregierung.
Doch warum geht eine niedergelassene Ärztin überhaupt auf die Straße? Was motiviert sie, sich öffentlich in eine politische Debatte einzumischen? Der Homoeopathiewatchblog hat Dr. Braunen gefragt, was sie persönlich zur Teilnahme an der Aktion bewegt hat, welches Signal sie an Politik und Öffentlichkeit senden wollte und wo sie heute die wichtigsten Potenziale der Homöopathie sieht.
Dr. Nicole Braunen: „Ich habe andere Erfahrungen gemacht als die Politik“
In ihrer Antwort verweist Braunen vor allem auf ihre langjährige praktische Erfahrung als Hausärztin. Viele ihrer Patienten begleitet sie seit Jahrzehnten. Sie beschreibt Homöopathie und andere komplementärmedizinische Verfahren nicht als Ersatz für die konventionelle Medizin, sondern als ergänzende Behandlungsoptionen.
Besonders kritisch sieht sie, dass über Homöopathie häufig von Personen geurteilt werde, die selbst weder eine Ausbildung noch praktische Erfahrungen mit diesen Verfahren hätten. Eine offene wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzung hält sie deshalb für wichtiger als vorschnelle Bewertungen.
Als Hausärztin mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung habe sie immer wieder erlebt, welchen Beitrag integrative Behandlungskonzepte zur Lebensqualität vieler Patienten leisten können. Deshalb spricht sie sich dafür aus, Homöopathie und andere komplementärmedizinische Verfahren weiter zu erforschen und in eine patientenzentrierte Medizin einzubinden.
Besonders deutlich wird ihre Haltung in einem Satz am Ende ihres Statements: „Ich würde heute nicht mehr homöopathisch arbeiten, wenn ich nicht über Jahrzehnte erlebt hätte, wie sehr meine Patientinnen und Patienten davon profitieren.“
Das vollständige Statement von Dr. Nicole Braunen
Christian Becker: Was hat Sie persönlich motiviert, an der Aktion in Köln teilzunehmen, und welches Signal wollten Sie damit an Politik und Öffentlichkeit senden?
Dr. Nicole Braunen: Ich habe an der Aktion teilgenommen, weil ich täglich in meiner hausärztlichen Arbeit sehe, welchen Nutzen integrative Medizin für viele Menschen hat. Mein Anliegen war es, ein klares Signal zu senden: Patientinnen und Patienten brauchen Therapievielfalt und Wahlfreiheit. Integrative Medizin darf nicht schrittweise aus der Versorgung verschwinden.
Naturheilverfahren wie Homöopathie und andere komplementäre Verfahren können die konventionelle Medizin sinnvoll ergänzen. Gerade bei chronischen Erkrankungen, funktionellen Beschwerden und in belastenden Lebenssituationen eröffnen sie zusätzliche therapeutische Möglichkeiten und können dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es geht dabei nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein verantwortungsvolles Miteinander verschiedener medizinischer Ansätze zum Wohl der Patientinnen und Patienten.
Christian Becker: In Ihrem Statement vor Ort haben Sie vom großen Potenzial der Homöopathie gesprochen und unter anderem die begleitende Anwendung bei Chemotherapien erwähnt. Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Potenziale der Homöopathie für Patienten und warum halten Sie diese für gesundheitspolitisch relevant?
Dr. Nicole Braunen: Ich sehe die größten Potenziale der Homöopathie dort, wo sie ergänzend zur konventionellen Medizin eingesetzt werden kann, um Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und Patientinnen und Patienten in schwierigen Krankheitsphasen zu unterstützen. Viele Menschen wünschen sich gerade bei chronischen Erkrankungen, funktionellen Beschwerden oder belastenden Therapien wie einer Chemotherapie zusätzliche, möglichst nebenwirkungsarme Behandlungsoptionen.
Diese Möglichkeiten sind vielen rein konventionell ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten kaum bekannt, da sie im Medizinstudium und in der fachärztlichen Weiterbildung in der Regel nicht vermittelt werden. Das halte ich für eine verpasste Chance. Nach meiner Erfahrung werden komplementärmedizinische Verfahren gerade an Universitätskliniken häufig von Personen beurteilt, die weder eine entsprechende Ausbildung noch eigene praktische Erfahrungen damit haben. Eine offene wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzung halte ich daher für wichtiger als vorschnelle Urteile. In kaum einem anderen medizinischen Bereich wird mit einer solchen Selbstverständlichkeit über Verfahren geurteilt, die man selbst nie erlernt oder angewendet hat.
Als Hausärztin mit über 30 Jahren Berufserfahrung und teilweise mehr als 20-jähriger Betreuung meiner Patientinnen und Patienten habe ich wiederholt erlebt, welchen Beitrag integrative Behandlungskonzepte zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität vieler Menschen leisten können.
Deshalb halte ich es für wichtig, dass die Homöopathie und andere komplementärmedizinische Verfahren nicht ausgegrenzt, sondern weiter wissenschaftlich erforscht und verantwortungsvoll in eine patientenzentrierte Medizin integriert werden. Besonders wichtig erscheint mir dies in der Kinderheilkunde und der Allgemeinmedizin. Wir wissen heute, dass Antibiotika zwar unverzichtbare Medikamente sind, aber gleichzeitig erhebliche Auswirkungen auf das kindliche Mikrobiom haben können, insbesondere in den ersten Lebensjahren. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass frühe und wiederholte Antibiotikagaben mit einem erhöhten Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen im späteren Leben assoziiert sein können.
Deshalb sollte jeder Antibiotikaeinsatz sorgfältig abgewogen werden. Wo eine antibiotische Behandlung medizinisch notwendig ist, darf sie selbstverständlich nicht unterlassen werden. Wo sie jedoch nicht erforderlich ist, sollten Ärztinnen und Ärzte über möglichst viele sichere und wirksame Behandlungsoptionen verfügen. Einen wichtigen Beitrag sehe ich dabei in der Homöopathie, die ich seit fast 30 Jahren in meiner täglichen hausärztlichen Arbeit einsetze. Darüber hinaus bieten auch andere komplementärmedizinische Verfahren wertvolle Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten individuell und möglichst schonend zu behandeln. Aus meiner Sicht sollten angehende Ärztinnen und Ärzte daher bereits im Studium und in der Weiterbildung mit diesen Verfahren vertraut gemacht werden.
Für viele Menschen gehört dieser ganzheitliche Ansatz selbstverständlich zu ihrem Gesundheitsverständnis. Sie wünschen sich Ärztinnen und Ärzte, die sowohl die Möglichkeiten der konventionellen Medizin als auch die der Naturheilkunde kennen und verantwortungsvoll miteinander verbinden. Ich würde heute nicht mehr homöopathisch arbeiten, wenn ich nicht über Jahrzehnte erlebt hätte, wie sehr meine Patientinnen und Patienten davon profitieren.
Genau darin sehe ich die Zukunft einer modernen integrativen Medizin.
Christian Becker: Danke für das Gespräch und Ihr Engagement.

