Kann Homöopathie dazu beitragen, bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten weniger Antibiotika einzusetzen? Diese Frage wollte der Bayerische Landtag wissenschaftlich untersuchen lassen. Daraus entstand eine klinische Studie der Technischen Universität München. Doch sie bekam ein Problem: Es fanden sich viel zu wenige Patientinnen. Statt der vorgesehenen 240 konnten am Ende nur 39 ausgewertet werden. Die Studie wurde deshalb offiziell laut Studienbericht vorzeitig beendet.
Trotzdem wird die Untersuchung inzwischen von Homöopathie-Gegnern, Medien und der bayerischen SPD als Argument gegen die Homöopathie verwendet. Dagegen kommt jetzt bemerkenswerter politischer Widerspruch. „Wissenschaft muss auch kontroverse Ansätze untersuchen dürfen – ergebnisoffen“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Freien Wähler, Susann Enders, gegenüber BR24. Bei der Suche nach Möglichkeiten, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren, dürfe es „keine Denkverbote“ geben. CSU-Gesundheitspolitiker Bernhard Seidenath argumentiert ähnlich: „Wir als Politik geben Ziele vor, wir geben nicht Ergebnisse vor.“
Die Studie wurde offiziell vorzeitig beendet
2019 hatte der Bayerische Landtag die Untersuchung angestoßen. In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie sollte geprüft werden, ob individualisierte Homöopathie bei Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten den Antibiotikaverbrauch reduzieren kann.
240 Patientinnen sollten randomisiert und ausgewertet werden. Doch die Forscher konnten nicht annähernd genügend Frauen gewinnen. Der inzwischen vorliegende Clinical Study Report (Link) dokumentiert ausdrücklich ein „End of recruitment (due to lack of recruitment)“ und anschließend eine „Early termination of the clinical trial“. Die Studie wurde also wegen mangelnder Rekrutierung vorzeitig beendet.
Am Ende gingen lediglich 39 Patientinnen in die ITT-Auswertung ein, 20 in der Homöopathie- und 19 in der Placebogruppe. Das sind gut 16 Prozent der ursprünglich vorgesehenen 240 Patientinnen.
Das bedeutet: Nicht die Homöopathie beendete diese Studie, sondern die fehlenden Studienteilnehmerinnen.
Was die abgebrochene Studie überhaupt noch aussagen kann
Mit nur 39 statt der geplanten 240 Patientinnen war die Studie weit von der Teilnehmerzahl entfernt, auf deren Grundlage sie konzipiert worden war. Damit konnte die zentrale Forschungsfrage nicht mehr mit der ursprünglich vorgesehenen statistischen Aussagekraft beantwortet werden.
Das bedeutet: Aus dieser Untersuchung lässt sich weder ein belastbarer Vorteil der Homöopathie noch ihre Unwirksamkeit ableiten. Die Studie war ursprünglich für 240 Patientinnen geplant. Mit 39 ausgewerteten Teilnehmerinnen konnte sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen.
Genau deshalb ist die wissenschaftliche Interpretation wichtig: Die wissenschaftlich korrekte Nachricht lautet nicht, die Studie habe ein negatives Ergebnis für die Homöopathie erbracht. Sie lautet: Die Studie wurde wegen mangelnder Rekrutierung vorzeitig beendet und konnte die Forschungsfrage nicht belastbar beantworten.
Wird von Homöopathie-Gegnern aus der gescheiterten Rekrutierung ein Scheitern der Homöopathie gemacht?
Genau hier beginnt die politische Auseinandersetzung. In der Skeptiker-Szene wird die abgebrochene Studie als weitere Niederlage der Homöopathie dargestellt. Aus dem fehlenden Nachweis einer Überlegenheit wird dabei schnell ein negatives Ergebnis für die Homöopathie.
Noch deutlicher argumentiert die bayerische SPD. Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann spricht gegenüber BR24 von einer „peinlichen Nullnummer“ und von mehr als 640.000 Euro, die „in den Sand gesetzt“ worden seien. Globuli bezeichnet sie als „Hokuspokus“. Das Ergebnis sei zu erwarten gewesen, weil „physiologisch wirkungslose Präparate“ miteinander verglichen worden seien.
Bemerkenswert ist: Waldmann wusste, dass die Studie vorzeitig beendet worden war. Bereits in einer schriftlichen Anfrage vom November 2024 bezeichnete sie die iHOM-Studie selbst als „abgebrochen“ und verwies auf die Schwierigkeiten bei der Gewinnung ausreichender Teilnehmerzahlen.
Man kann die Kosten einer abgebrochenen Studie kritisieren und auch die Entscheidung, sie überhaupt zu finanzieren. Problematisch wird die Argumentation dort, wo aus einer massiv unterrekrutierten und deshalb abgebrochenen Studie ein wissenschaftlicher Beleg für die Unwirksamkeit der untersuchten Behandlung werden soll.
CSU und Freie Wähler halten dagegen
CSU und Freie Wähler ziehen aus dem Studienabbruch eine andere Konsequenz. Seidenath räumt gegenüber BR24 ein, dass die Untersuchung wegen der Rekrutierungsprobleme „nie richtig zum Laufen gekommen“ sei und keinen Hinweis auf eine Überlegenheit homöopathischer Präparate erbracht habe. Trotzdem verteidigt er die Entscheidung, die Frage wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Die SPD sei seiner Ansicht nach von Anfang an darauf festgelegt gewesen, dass Homöopathie „Schmarrn“ sei.
Auch Susann Enders bestreitet die Rekrutierungs-Probleme der Studie nicht. Wissenschaftlich fundierte Medizin bleibe Grundlage der Gesundheitsversorgung. Zugleich wolle man komplementärmedizinischen Ansätzen offen gegenüberstehen, „wo es sinnvoll und verantwortbar ist“.
Nach den gesundheitspolitischen Auseinandersetzungen der vergangenen Monate ist das durchaus eine Nachricht. Zwei bayerische Regierungsfraktionen verteidigen ausdrücklich das Recht, auch Homöopathie ergebnisoffen wissenschaftlich untersuchen zu lassen.
Die bayerische Studie hat die Frage nach einer möglichen Verringerung des Antibiotikaverbrauchs durch individualisierte Homöopathie nicht beantworten können. 39 statt der vorgesehenen 240 Patientinnen waren dafür schlicht zu wenig.
Daraus kann man einen gescheiterten Forschungsversuch machen. Einen belastbaren wissenschaftlichen Beleg gegen Homöopathie macht es nicht.

