Manchmal hilft es, sich vorzustellen, wie die Gründer einer Idee auf die Gegenwart blicken würden. In den vergangenen Tagen habe ich mich gedanklich mit Samuel Hahnemann „unterhalten“.
Der Anlass war naheliegend: In Meißen, seiner Geburtsstadt, startet eine neue Fortbildungsreihe, bei der indische Expertinnen und Experten ihr Wissen weitergeben. Ein Kreis schließt sich: Wissen aus der Welt kehrt zurück an den Ort, an dem vieles im Jahr 1755 am 10. April begann.
In dieser gedanklichen Begegnung habe ich Hahnemann erzählt, wie heute über Homöopathie debattiert wird. Von politischen Beschlüssen. Von Kampagnen. Von der Situation in der Schweiz. Von der Integration in Indien. Und davon, wie gespalten Deutschland auf das Thema blickt.
Meine Frage an ihn war einfach:
Was würden Sie, Samuel Hahnemann, heute sagen — zur Homöopathie-Gemeinschaft und zur Politik?
In Gedanken hat er geantwortet.
Diesen Brief zum Jahresbeginn 2026, so wie ich ihn mir vorstellen könnte, drucke ich hier ab — mit seiner „Erlaubnis“.
Ein Brief von Samuel Hahnemann – an die Homöopathie und an die Politik in Deutschland
Liebe Ärztinnen und Ärzte, liebe Therapeutinnen und Therapeuten, liebe Patienten, liebe Heilpraktiker, liebe Hersteller, liebe Verantwortliche in Politik und Wissenschaft, liebe Leserinnen und Leser, liebe Homöopathie-Freunde,
manchmal frage ich mich – wenn ich auf die Gegenwart blicke – ob mein Name heute nur noch als Streitfall vorkommt. Als Reizwort. Als Symbol. Als Abwertung.
Dabei ging es mir nie um Ideologie. Es ging mir um Menschen. Ich sehe, wie Ihr heute miteinander ringt. Wie Schlagzeilen, Kommentare und Kampagnen die Diskussion bestimmen. Wie aus einer medizinischen Frage ein Kulturkampf geworden ist.
Und ich möchte Euch etwas sagen, so einfach wie möglich:
Prüft streng. Zweifelt ruhig. Aber prüft fair.
Denn das, was heute in Deutschland über Homöopathie debattiert wird, ist nicht das, wofür sie ursprünglich stand: eine Ergänzung, ein Angebot, eine Möglichkeit – unter Verantwortung.
Der Blick über die Grenzen
Ich schaue nach Indien.
Dort gibt es ganze Kliniken, staatliche Hochschulen, Forschung und Ausbildung. Die Regierung sagt: Integration – mit Regeln, mit Qualität, mit Verantwortung. Dort lernen Ärztinnen und Ärzte Homöopathie an Universitäten. Und ich denke: Man kann das gutheißen oder kritisch sehen.
Aber man kann nicht behaupten, es sei nur ein Randphänomen.
Ich schaue in die Schweiz.
Dort wurde jahrelang evaluiert. Dann wurde entschieden:
Komplementäre Verfahren werden unter klaren Bedingungen Teil der Grundversorgung. Ein Satz aus der politischen Debatte dort hat mich besonders berührt: „Es geht nicht um Glauben. Es geht darum, verantwortbare Rahmen zu schaffen.“ So nüchtern. So klug.
Und dann schaue ich nach Deutschland
In dem Land, in dem ich gelebt habe. In dem Land, in dem ich geboren wurde, in dem Land, in dem ich als Arzt helfen konnte, in dem Land, in dem ich mit der Homöopathie eine Problemlösung für die Menschen gestaltet habe. In dem ich kritisch war. Unbequem. Manchmal unbequem auch für meine Kollegen.
Hier nutzen Millionen Menschen homöopathische Behandlungen ergänzend. Hier gibt es Ärztinnen und Ärzte mit Zusatzqualifikation, es gibt gut ausgebildete Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker,
die verantwortungsvoll behandeln, beobachten, dokumentieren. Und gleichzeitig wird Homöopathie politisch zunehmend so behandelt, als sei sie ein Symbol, das man abschaffen müsse – anstatt ein Versorgungsfeld, das man klug ordnen kann.
Ich frage Euch:
Ist es wirklich Wissenschaft, wenn die Diskussion schon endet, bevor sie überhaupt beginnt? Oder spielen hier auch Leitbilder, Erwartungen, Machtfragen, und manchmal sogar Symbolpolitik eine Rolle?
Denn: In Indien, in der Schweiz, in Deutschland, in anderen Ländern
liegt überall dieselbe wissenschaftliche Literatur zur Homöopathie auf dem Tisch.
Und doch führen dieselben – weltweit verfügbaren – wissenschaftlichen Daten zur Homöopathie zu unterschiedlichen politischen Entscheidungen in den Ländern.
In Indien und der Schweiz wird die Homöopathie als eine Lösung für die Menschen eingesetzt, während in Deutschland die Homöopathie von der Politik als Problem definiert wird – auf Grundlage der gleichen wissenschaftlichen Literatur zur Homöopathie. Wie ist das möglich?
Das ist kein medizinischer Automatismus.
Das ist politische Bewertung.
An die Politik in Deutschland
Wenn Sie Homöopathie vollständig aus der Versorgung drängen wollen, wenn Sie Homöpathie als Arzneimittel verbieten wollen, dann sagen Sie es ehrlich. Aber nennen Sie es nicht „reine Wissenschaft“. Denn Wissenschaft kennt Nuancen, kennt offene Fragen, kennt Versorgungsrealität. Und sie kennt auch diesen einfachen Satz: „Streichen“ ist keine Strategie. Es ist nur die Flucht vor der Auseinandersetzung.
Was wäre stattdessen nötig?
• klare Qualitätskriterien
• Transparenz
• Evaluationsmodelle
• Grenzen dort, wo sie nötig sind
• Verantwortung dort, wo sie möglich ist
Genau so haben es andere Länder gemacht.
An die Homöopathie-Gemeinschaft
Ich möchte auch Euch etwas sagen: Ihr müsst Euch zeigen. Eure Arbeit dokumentieren. Euch Kritik stellen. Nicht im Verteidigungsmodus verharren, sondern erklären, forschen, zuhören. Homöopathie war nie gedacht als Dogma. Sie war immer eine Einladung zum Prüfen und Lernen.
Wenn Ihr Euch nur als Opfer seht, verliert Ihr Eure Kraft.
Wenn Ihr Euch jedoch als Teil der Lösung versteht – dann werdet Ihr gehört.
Mein eigentlicher Appell
Deutschland ist das Mutterland der Homöopathie. Das sage ich als ihr „Vater“. Und gerade hier droht sie, nicht mehr sachlich diskutiert zu werden. Das ist paradox.
Ich wünsche mir keine Verehrung.
Ich wünsche mir keine Rückkehr ins 19. Jahrhundert.
Ich wünsche mir nur dieses eine:
Setzt Euch an einen Tisch. Legt Zahlen, Erfahrungen, Grenzen, Risiken und Chancen nebeneinander. Und entscheidet erst dann. Nicht aus Reflex. Nicht aus Angst vor Schlagzeilen. Nicht, weil es politisch bequem ist. Sondern, weil es um Menschen geht. Denn am Ende zählt nur eine Frage – dieselbe wie vor 200 Jahren:
Hilft es Patientinnen und Patienten – sicher, nachvollziehbar und verantwortbar?
Wenn ja, dann gebt ihm einen Platz. Wenn nein, dann sagt es fair.
Alles andere ist nicht Wissenschaft. Es ist Ritual.
Mit nachdenklichen Grüßen
Euer Samuel Hahnemann

