Die politische Debatte um Homöopathie in Deutschland wird oft abstrakt geführt. Es geht um Gesetze, Koalitionsverträge, Parteitagsbeschlüsse, Krankenkassen, Binnenkonsens. Doch hinter diesen Begriffen stehen Existenzen, Praxen, Patienten und Lebensentscheidungen.
Ein aktueller Mailwechsel mit einem bekannten homöopathisch tätigen Arzt, der seit vielen Jahren praktiziert, zeigt, wie ernst die Lage inzwischen eingeschätzt wird – und welche Konsequenzen einzelne Kolleginnen und Kollegen bereits ziehen.
Ärzte verlassen Deutschland – das Mutterland der Homöopathie, das Land Hahnemanns – weil sie in Deutschland keine Zukunft mehr für die Homöopathie sehen. Und sie sehen im Nachbarland Schweiz eine Zukunft für sich und für die Homöopathie, die sie in Deutschland nicht mehr sehen.
Die Reaktion eines bekannten homöopathischen Arztes
Ich hatte ihn auf das Dossier für Ärzte hingewiesen – auf die Analyse, welche Folgen es für Ärzte hat, wenn Homöopathie den Arzneimittelstatus verliert.
Die Antwort des Arztes kam prompt. Und seine Antwort war bemerkenswert offen.
„Ich sehe die Situation auch schon seit 2022 sehr ernst. Die Verbände reagieren nicht und Patienten lassen sich nicht mobilisieren, so dass es eine Änderung gibt. Ich bin in die Schweiz gegangen mit der Praxis, in Deutschland sehe ich keine Zukunft für die Homöopathie. Es wird leider kommen, wie Sie es sagen.“
(Red. Hinweis: Der Arzt hat mir erlaubt, seine Mail zu zitieren. Aber er möchte anonym bleiben. Sein Name ist mir bekannt.)
Das sind klare Worte. Keine Polemik. Kein Widerspruch. Keine Beschwichtigung. Sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme – und eine persönliche Konsequenz.
Ein Arzt, der seit Jahren homöopathisch arbeitet, der die politische Entwicklung aufmerksam verfolgt, verlässt Deutschland, weil er hier keine Zukunft mehr für die Homöopathie sieht.
Wenn politische Analyse zu Lebensentscheidungen führt
Was in Talkshows und Parteitagsanträgen oft wie eine ideologische Debatte wirkt, ist für viele Praktiker längst eine existentielle Frage geworden.
Der Arzt spricht drei Punkte an, die in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen immer häufiger fallen:
- Die politische Entwicklung ist seit Jahren erkennbar.
Die Skepsis gegenüber Homöopathie ist kein neues Phänomen. Sie wird seit mindestens 2022 zunehmend parteiübergreifend formuliert. - Die Verbände reagieren aus Sicht vieler zu defensiv.
Statt öffentlicher politischer Mobilisierung dominiert interne Kommunikation. Gespräche im Hintergrund, Einzeldialoge, Positionspapiere – aber keine sichtbare Kampagne, keine breite Patientenbewegung, kein öffentlicher Druck. - Die Patienten lassen sich bislang nicht in relevantem Umfang mobilisieren.
Und genau das ist politisch entscheidend. Ohne Wählerinnen und Wähler gibt es keinen Handlungsdruck für Parteien.
In dieser Lage ziehen manche Ärzte bereits Konsequenzen – still, ohne Protest, ohne Schlagzeilen.
Die stille Abwanderung
Der Schritt in die Schweiz ist kein Einzelfall. Schon seit Jahren weichen Ärztinnen und Ärzte in Länder aus, in denen die Homöopathie rechtlich stabiler verankert ist oder gesellschaftlich breitere Akzeptanz genießt.
Politisch ist das eine gefährliche Dynamik: Nicht der große Knall. Kein offener Konflikt. Keine massenhaften Proteste. Sondern ein langsames Verschwinden.
Praxen schließen oder verlagern sich. Versorgungsangebote brechen weg.
Nachwuchs bleibt aus. Know-how wandert ab. Und in der politischen Statistik taucht das alles nicht auf.
Die trügerische Sicherheit vieler Ärzte
In Gesprächen höre ich oft Sätze wie:
„Uns kann nichts passieren.“ „Wir haben doch den Binnenkonsens.“
„Wir haben das Diplom.“ „Wir haben die Zusatzbezeichnung.“
„Wir sind rechtlich abgesichert.“
Genau diese Annahme gerät politisch ins Wanken. Der Binnenkonsens schützt die ärztliche Homöopathie nur so lange, wie homöopathische Arzneimittel rechtlich als Arzneimittel anerkannt sind. Fällt dieser Status, fällt auch ein zentraler Pfeiler der bisherigen ärztlichen Praxis.
Das betrifft ausdrücklich auch Ärztinnen und Ärzte mit Diplom des Arzt-Vereins.
Ein Warnsignal aus der Praxis
Der hier zitierte Arzt ist kein Aktivist, kein Blogger, kein Lobbyist. Er ist Praktiker und Mediziner, dem seine Patienten am Herzen liegen. Wenn jemand mit dieser Erfahrung sagt: „In Deutschland sehe ich keine Zukunft mehr für die Homöopathie“, dann ist das ein Warnsignal, das man ernst nehmen sollte.
Nicht als Dramatisierung oder als Panikmache. Sondern als nüchterne politische Lageeinschätzung.
Der Anlass: ein Dossier zur politischen Gefährdung der ärztlichen Homöopathie
Ausgangspunkt war ein Dossier, das ich diese Woche im HomoeopathieWatchblog veröffentlicht habe. Es richtet sich ausdrücklich an Ärztinnen und Ärzte und analysiert auf acht Seiten die reale politische Gefährdung der ärztlichen Homöopathie im Jahr 2026.
Im Zentrum steht eine Entwicklung, die viele in der ärztlichen Szene bislang unterschätzen: Der sogenannte Binnenkonsens, also die Sonderstellung homöopathischer Arzneimittel im deutschen Arzneimittelrecht, steht erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft zur Disposition. Der politische Kurswechsel der CDU über Weihnachten, die klare Ablehnung der Homöopathie durch SPD, Grüne und FDP sowie entsprechende Signale aus dem Bundesgesundheitsministerium haben die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag faktisch gedreht.
Das Szenario ist damit nicht mehr theoretisch. Es ist politisch realistisch.
Genau darauf weist das Dossier hin – und genau darauf habe ich auch den betreffenden Arzt aufmerksam gemacht.
Fazit
Die politische Debatte um Homöopathie entscheidet nicht nur über Paragrafen. Sie entscheidet über Versorgung, Berufsbilder, Patientenwahlfreiheit – und über die Frage, ob Deutschland künftig noch ein Standort für ärztliche Homöopathie sein wird.
Der hier geschilderte Fall des auswandernden Arztes für Homöopathie zeigt: Die Entwicklung ist längst im Alltag angekommen. Und sie führt bereits zu Abwanderung.
Wer das Thema weiter als Randnotiz behandelt, riskiert, dass die ärztliche Homöopathie nicht durch ein Gesetz verschwindet – sondern durch schleichenden Exodus.
Prognose: Wie der ärztliche Verein auf den Exodus reagieren wird
Der Weggang eines bekannten homöopathischen Arztes ins Ausland ist politisch ein Alarmsignal. Für einen ärztlichen Berufsverband ist er vor allem eines: ein Problem. Denn Abwanderung passt nicht ins Bild von Stabilität, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit.
Nach allen Erfahrungen der letzten Jahre ist daher absehbar, wie der Verein reagieren wird.
Beschwichtigung nach außen
Öffentlich wird der Vorgang voraussichtlich als Einzelfall eingeordnet. Man wird betonen, dass es sich um eine persönliche Entscheidung handele, die nichts mit der politischen Lage zu tun habe. Die Versorgungslage sei stabil, die ärztliche Homöopathie rechtlich abgesichert, der Dialog mit der Politik laufe konstruktiv.
Kurz: Es wird Entwarnung gesendet.
Ein offenes Eingeständnis politischer Gefahr würde das Vertrauen der Mitglieder erschüttern. Deshalb wird der Verband bemüht sein, Ruhe zu vermitteln – selbst dann, wenn sich die politische Lage weiter zuspitzt.
Rechtfertigungsdruck nach innen
Intern dürfte der Fall für Unruhe sorgen. Denn wenn ein erfahrener Kollege geht, stellen sich andere die gleiche Frage. Der Verein gerät in Erklärungsnot, warum man seit Jahren auf Gespräche im Hintergrund setzt, während sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag faktisch gegen die Homöopathie gedreht haben.
Doch auch nach innen wird man vermutlich auf den Binnenkonsens, auf bestehende Rechtslagen und auf laufende Gespräche verweisen.
Warum der Watchblog informiert
Genau an diesem Punkt trennt sich die Logik eines Berufsverbandes von der Aufgabe eines journalistischen Watchblogs.
Ein Verband will beruhigen.
Er will Stabilität vermitteln.
Er möchte seinen Mitgliedern Sicherheit geben.
Ein Watchblog hat eine andere Funktion. Er muss Entwicklungen frühzeitig erkennen, einordnen und benennen – auch dann, wenn sie unbequem sind. Er muss warnen, bevor politische Entscheidungen gefallen sind. Und er muss sichtbar machen, was sonst nur in internen Runden diskutiert wird.
Die politische Entwicklung rund um die Homöopathie ist real. Sie ist dokumentiert. Und sie ist gefährlich für die ärztliche Homöopathie in Deutschland. Der Kurswechsel zentraler Parteien, die neue Mehrheit im Bundestag gegen den Binnenkonsens und die veränderte Tonlage im Bundesgesundheitsministerium sind keine Meinungen, sondern politische Fakten.
Wer heute noch glaubt, man könne diese Debatte aussitzen, unterschätzt die Dynamik dieser Legislaturperiode.
Politik entsteht nicht im Nachhinein. Sie entsteht jetzt. In Arbeitsgruppen, Referentenentwürfen, Koalitionsrunden, Parteitagen. Wenn erst ein Gesetzentwurf vorliegt, ist es für Prävention zu spät.
Genau deshalb veröffentlicht der HomoeopathieWatchblog seit Wochen Dossiers, Analysen und Hintergrundberichte. Nicht aus Lust am Konflikt, sondern aus Verantwortung. Nicht als Kampagne, sondern als Frühwarnsystem.
Das Abwandern einzelner Ärzte und er der Umzug weg aus Deutschland in die Schweiz ist kein Randphänomen. Er ist ein erstes sichtbares Symptom einer Entwicklung, die bislang weitgehend unter dem Radar läuft. Wenn erfahrene Kollegen beginnen, ihre Praxen ins Ausland zu verlagern, dann nicht aus Abenteuerlust, sondern weil sie die politische Lage nüchtern bewerten.
Der Exodus beginnt leise. Und er endet mit leeren Praxen. Und mit Patienten ohne Therapeuten (weil die Schweiz zu weit weg ist).
Wer das verhindern will, muss heute handeln. Nicht 2027. Nicht nach der nächsten Wahl. Sondern heute am 15. Januar 2026 (wie ich es in diesem praktikablen Konzept „Ein Rettungsplan für die Homöopathie“ vorgeschlagen habe.)
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