Samuel Hahnemann als Begründer der Homöopathie würde in diesen Tagen sorgenvoll nach Österreich schauen und würde sich fragen, wie gut dort seine Therapie gegen die Gegner verteidigt wird. Er würde Deutschland und Österreich vergleichen.
Die Skeptiker, als aktivistischer Teil der Anti-Homöopathie-Lobby, haben es in Deutschland innerhalb weniger Jahre geschafft, dass Ärztekammern die Fortbildung Homöopathie abschaffen.
Auch in Österreich lässt sich im März 2026 eine Entwicklung beobachten, die in eine ähnliche Richtung weist. Mehrere Aktivitäten der Skeptiker greifen ineinander und deuten darauf hin, dass auch hier die Verankerung der Homöopathie im ärztlichen Fortbildungssystem unter Druck geraten soll.
Ich habe als Journalist für Gesundheitspolitik die Strategie dieser Aktivitäten analysiert und im Folgenden in strukturierter Form zusammengetragen.
Gleichzeitig habe ich die ärztlichen Homöopathie-Verbände in Österreich um eine Einschätzung gebeten. Konkret habe ich den Pressesprecher des ÄKH gefragt, wie er die ORF-Sendung vom 18. März bewertet, welche Wirkung er erwartet und ob er seine Einschätzung in einem Interview erläutern möchte.
Die Antwort des ÄKH-Pressesprechers Dr. Berhard Zauner, ÄKH, fiel am 19. März auf Anfrage des Homoeopathiewatchblog knapp aus:
„Wir Homöopathen sind in der ÄK den Umständen entsprechend gut aufgestellt und sehen als die richtige Reaktion den Ball flach zu halten.“
Damit stehen sich in Österreich zwei sehr unterschiedliche Strategien gegenüber.
Hinweis: Dieser Artikel ist keine Kritik an Verbänden oder deren Arbeit. Er versteht sich als journalistische Analyse von Strategien, Öffentlichkeitsarbeit und politischer Kommunikation und ordnet diese für die Leser ein – sowohl auf Seiten der Homöopathie-Gegner als auch der Homöopathie-Befürworter.
Die Analyse im Detail
Österreich hatte diesen Fall bereits: Die Vorlesung von Prof. Frass wurde gestrichen
Ein Blick zurück zeigt, dass das, was sich aktuell andeutet, in Österreich bereits einmal konkret passiert ist.
An der Medizinischen Universität Wien wurde die Homöopathie-Vorlesung von Prof. Frass nach anhaltender Kritik und Beschwerden gestrichen. Offiziell wurde die Entscheidung damit begründet, dass die Lehrveranstaltung aufgrund zahlreicher Einwände nicht mehr fortgeführt werde .
Parallel dazu wurde die Homöopathie auch institutionell zurückgedrängt:
- die Universität distanzierte sich ausdrücklich von der Methode
- die frühere Homöopathie-Ambulanz wurde umbenannt und inhaltlich verändert
- die Lehre wurde vollständig beendet
Begründet wurde dies unter anderem mit dem Anspruch, sich an evidenzbasierter Medizin zu orientieren und sich von „unwissenschaftlichen Verfahren“ abzugrenzen .
Wichtig ist dabei weniger die formale Begründung als die Struktur des Ablaufs:
- Kritik und Beschwerden aus dem Umfeld (Studierende, Öffentlichkeit)
- mediale und fachliche Diskussion
- zunehmender Druck auf die Institution
- schließlich institutionelle Entscheidung gegen Homöopathie
Genau dieses Muster als Teil der Kampagne der Skeptiker gegen Homöopathie ist jetzt wieder erkennbar – nur auf einer anderen Ebene.
Zwei Strategien treffen aufeinander
Auf der einen Seite eine klar erkennbare Strategie der Skeptiker.
Auf der anderen Seite eine bewusst gewählte Nicht-Reaktionsstrategie der ärztlichen Homöopathie.
Das ist keine zufällige Konstellation, sondern eine strukturelle Gegenüberstellung zweier völlig unterschiedlicher Herangehensweisen.
Die skeptische Strategie: Verdichtung statt Frontalangriff
Was derzeit in Österreich passiert, ist kein einzelner Angriff, sondern eine Abfolge von Maßnahmen, die ineinandergreifen.
Zentrale Bausteine:
- ORF-Dokumentation am 18.3. als breiter medialer Impuls
- Vortrag von Norbert Aust am 18. März im skeptischen Umfeld
- Vortrag von Edzard Ernst am 13. Mai im ärztlichen Fortbildungsumfeld
- begleitende Kommunikation über soziale Netzwerke
- Bezug auf die Retraktion der Frass-Studie als wissenschaftlicher Hebel
Diese Bausteine erfüllen unterschiedliche Funktionen:
ORF
- Öffentlichkeit herstellen
- emotionale Rahmung
- Problemdefinition („Geschäft mit der Hoffnung“)
Aust-Vortrag
- interne Verdichtung
- Zuspitzung innerhalb einer bereits kritischen Szene
- Personalisierung am Beispiel Prof. Frass
Ernst-Vortrag
- Übertragung in den ärztlichen Diskursraum
- wissenschaftliche Autorität
- direkte Ansprache von Ärzten und standespolitischen Akteuren
Der entscheidende Punkt: Diese Ebenen wirken zusammen.
Der eigentliche Hebel der Skeptiker: Die Retraktion der Frass-Studie
Im Zentrum steht nicht eine allgemeine Kritik an Homöopathie.
Im Zentrum steht ein konkretes Ereignis: die Retraktion einer prominenten Studie von Prof. Michael Frass, Wissenschaftler und Arzt für Homöopathie aus Österreich.
Diese hat eine besondere Qualität:
- sie stammt aus dem wissenschaftlichen System selbst
- sie ist formal eindeutig
- sie reduziert die Komplexität auf eine einfache Botschaft: Vertrauensverlust
Dadurch wird sie zu einem hoch anschlussfähigen Referenzpunkt – insbesondere im ärztlichen Umfeld.
Denn dort gilt:
- Ärzte orientieren sich an Publikationsstatus und Journals
- Retraktionen haben hohe Signalwirkung
- Fortbildungssysteme basieren auf Evidenzhierarchien
Die Folge ist eine typische Argumentationskette:
- zentrale Studie verliert Status
- Zweifel an der Studienbasis
- Zweifel an der wissenschaftlichen Fundierung
- Übertragung auf institutionelle Ebene
→ Ist Homöopathie in ärztlicher Fortbildung noch gerechtfertigt?
Der entscheidende Schritt: Verlagerung in den ärztlichen Raum
Hier liegt der strategische Kern der Skeptiker.
Der Aust-Vortrag bleibt innerhalb einer bereits kritischen Szene.
Der Ernst-Vortrag hingegen geht einen Schritt weiter:
- Zielgruppe: Ärzte
- Kontext: Fortbildung
- Wirkung: Anschluss an standespolitische Entscheidungsräume
Damit wird aus einer Debatte eine institutionelle Frage:
→ Wie positionieren sich Ärztekammern und Fortbildungsgremien?
Die Strategie der ärztlichen Homöopathie: Ruhe statt Gegenposition
Dem gegenüber steht die Reaktion des ÄKH, wie sie der Pressesprecher Dr. Bernhard Zauner gegenüber dem Homoeopathiewatchblog am 19.3. formuliert hat: „Wir Homöopathen sind in der ÄK den Umständen entsprechend gut aufgestellt und sehen als die richtige Reaktion den Ball flach zu halten.“
Kerngedanke:
- nicht reagieren
- keine zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen
- Konflikte vermeiden
- auf bestehende Verankerung vertrauen
Das ist die Logik: Stabilität durch Ruhe.
Dahinter stehen mehrere Annahmen:
- öffentliche Reaktion stärkt die Gegner
- die eigene Position ist stabil genug
- das Thema läuft von selbst aus
- Kontakte im System tragen langfristig
Aus Verbandssicht ist das nachvollziehbar.
Aber es setzt voraus, dass die Gegenseite nur Lärm macht.
Genau das ist hier nicht der Fall.
Der strukturelle Widerspruch
Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Strategien aufeinander:
Skeptiker
- offensiv
- mehrstufig
- diskursiv
- auf Verschiebung von Legitimität ausgerichtet
ärztliche Homöopathie
- defensiv
- risikoavers
- auf Vermeidung ausgelegt
- auf bestehende Strukturen vertrauend
Die eine Seite verändert den Referenzrahmen.
Die andere verhält sich so, als würde er stabil bleiben.
Der Blick nach Deutschland
Die Parallele zu Deutschland ist auffällig.
Dort lief die Entwicklung ähnlich:
Skeptiker
- mediale Kampagnen
- wissenschaftliche Delegitimierung
- Druck auf Ärztekammern
- schrittweise Verschiebung der Debatte
ärztliche Homöopathie
- zurückhaltende Kommunikation
- Vertrauen auf bestehende Position
- wenig öffentliche Gegenwehr
Das Ergebnis ist bekannt:
- Abschaffung der Zusatzbezeichnung Homöopathie in fast allen Ärztekammern
Nicht durch einen großen politischen Eingriff, sondern durch schrittweise Erosion der Legitimität.
Was in Österreich wahrscheinlich passiert
Wenn beide Seiten bei ihren Strategien bleiben, ergibt sich ein klarer Verlauf:
Phase 1
- weitere Verdichtung durch Medien und Vorträge
Phase 2
- kaum sichtbare Gegenposition im ärztlichen Raum
Phase 3
- Verschiebung des Referenzrahmens
- Studienlage wird grundsätzlich infrage gestellt
- Retraktion bleibt zentraler Bezugspunkt
Phase 4
- institutionelle Entscheidungen erscheinen als logische Konsequenz
Nicht als Angriff – sondern als Anpassung.
Der zentrale Fehler: Ruhe wird mit Stabilität verwechselt
Die ärztliche Strategie der Homöopathie hat einen grundlegenden blinden Fleck.
Ärzte für Homöopathie setzen auf Verbandsebene Ruhe mit Stabilität gleich.
In einer Situation, in der:
- die Gegenseite den Referenzrahmen verschiebt
- die Ärzteschaft direkt adressiert wird
- die Studienbasis systematisch infrage gestellt wird
ist Schweigen nicht neutral.
Schweigen wirkt dann wie:
- Unsicherheit
- fehlende Argumente
- implizite Zustimmung
- Aufgabe des Diskursraums
Die besondere Schwäche der ärztlichen Homöopathie: Prof. Frass steht allein
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das bisher kaum benannt wird.
Die zentrale wissenschaftliche Figur – Prof. Frass – wird im entscheidenden Moment von der ärztlichen Homöopathie nicht sichtbar unterstützt.
Das ist in mehrfacher Hinsicht kritisch:
- seine Studie ist der zentrale Angriffspunkt
- sein Themenfeld ist das Kernthema der aktuellen Debatte
- seine Zielgruppe sind genau die Ärzte, die jetzt adressiert werden
Gleichzeitig gilt:
- über ihn wird gesprochen
- seine Arbeit wird bewertet
- seine Studie wird als Referenz genutzt
Aber:
→ er wird von den ärztlichen Verbänden nicht sichtbar und nicht relevant gestützt
Das erzeugt eine klare Asymmetrie.
Für die skeptische Seite ist das die ideale Konstellation.
Gesamtbewertung
Die aktuelle Lage in Österreich ist strukturell eindeutig:
- hohe Anschlussfähigkeit der Kritik durch die Retraktion
- gezielte Verlagerung in ärztliche Diskursräume
- geringe Gegenpräsenz der Homöopathie im selben Raum
Die skeptische Strategie ist damit derzeit systemisch stärker.
Nicht, weil sie lauter ist.
Sondern weil sie den Referenzrahmen verändert.
Die Strategie der ärztlichen Homöopathie – „Ball flach halten“ – wirkt dagegen wie eine reine Vermeidungsstrategie.
Kurzfristig reduziert sie Konflikte.
Mittelfristig verliert sie Deutungshoheit.
Langfristig riskiert sie institutionelle Verluste.
Der Vergleich mit Deutschland zeigt:
Die Kombination aus offensiver skeptischer Strategie und defensiver ärztlicher Reaktion ist kein theoretisches Szenario.
Sie hat bereits konkrete Folgen gehabt.
Einordnung
Die aktuelle Entwicklung in Österreich ist kein punktueller Konflikt.
Sie ist eine strukturelle Verschiebung.
- Die Retraktion fungiert als zentraler Hebel
- Medien und Vorträge tragen diese in verschiedene Räume
- im ärztlichen Kontext entsteht daraus eine Anschlusslogik Richtung Standespolitik
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
→ „Wie laut ist die Kritik?“
Sondern:
→ „Wer bestimmt den Referenzrahmen, in dem über Homöopathie gesprochen wird?“
Derzeit sieht es so aus, als würden die Skeptiker genau diesen Rahmen neu setzen – während die ärztliche Homöopathie darauf verzichtet, ihn aktiv zu verteidigen.
Gesamturteil
Die skeptische Strategie in Österreich wirkt derzeit professioneller und systemisch klüger als die Reaktion der ärztlichen Homöopathie-Verbände.
Warum?
Weil sie:
- mehrere Ebenen gleichzeitig bespielt
- wissenschaftliche, mediale und institutionelle Räume verbindet
- nicht nur argumentiert, sondern Legitimität verschiebt
Die österreichische Ärzte-Strategie „Ball flach halten“ ist dagegen eine reine Vermeidungsstrategie.
Sie schützt kurzfristig vor Konfrontation, aber nicht vor schleichendem Verlust von Deutungshoheit und institutioneller Verankerung.
Im Vergleich zu Deutschland ist das Warnsignal deutlich:
Die gleiche skeptische Grundlogik traf dort auf die gleiche homöopathische Grundlogik.
Das Ergebnis war die Abschaffung der Zusatzbezeichnung.
Wenn Österreich denselben Pfad weitergeht, ist nicht sicher, dass das Ergebnis identisch wird.
Aber die Risikostruktur ist dieselbe.
Der entscheidende Satz lautet deshalb analytisch:
Nichtstun und Schweigen sind in dieser Lage keine neutrale Strategie, sondern eine Form kontrollierter Selbstentwaffnung.
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