Hevert-Chef widerspricht der Bundesregierung: Die Homöopathie-Streichung sei „eine politische Entscheidung, kein wissenschaftliches Urteil“

Wenige Tage vor der geplanten Abstimmung des Bundestages über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz am 10. Juli meldet sich einer der bekanntesten deutschen Homöopathie-Hersteller persönlich zu Wort. Mathias Hevert, Geschäftsführer des Familienunternehmens Hevert-Arzneimittel, kritisiert die geplante Streichung der Homöopathie ungewöhnlich deutlich.

Mathias Hevert wirft der Bundesregierung vor, beim Umgang mit wissenschaftlicher Evidenz mit zweierlei Maß zu messen. Für ihn ist die geplante Streichung der Homöopathie aus den Satzungsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen deshalb keine wissenschaftliche, sondern eine politische Entscheidung.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form seiner Intervention. Hevert veröffentlicht seine Stellungnahme als persönlichen Beitrag auf LinkedIn und nicht als klassische Unternehmensmitteilung. Dazu zeigt er ein Foto, das ihn im Gespräch mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zeigt. Die Botschaft ist klar: Hier meldet sich nicht nur ein Hersteller zu Wort, sondern ein Unternehmer, der den politischen Dialog sucht.

„Kein wissenschaftliches Urteil“

Hevert stellt die Begründung der Bundesregierung grundsätzlich infrage. CDU/CSU und SPD wollten den gesetzlichen Krankenkassen verbieten, Homöopathie weiterhin als freiwillige Satzungsleistung zu erstatten. Für ihn sei das „Doppelmoral“ und deshalb „eine politische Entscheidung. Kein wissenschaftliches Urteil.“

Damit formuliert er den Kern seiner Kritik. Hevert bestreitet nicht, dass wissenschaftliche Evidenz eine wichtige Rolle spielen muss. Er kritisiert vielmehr, dass aus seiner Sicht bei der Homöopathie andere Maßstäbe angelegt würden als in weiten Teilen der konventionellen Medizin.

Als Beleg verweist er auf eine häufig zitierte Auswertung von Cochrane-Reviews. Nach seiner Darstellung wurden dabei mehr als 1.500 Therapien beziehungsweise 1.128 Cochrane-Systematic-Reviews ausgewertet. Daraus leitet er die Aussage ab, dass rund 95 Prozent der untersuchten konventionellen medizinischen Behandlungen nicht durch hochwertige Evidenz abgesichert seien.

Außerdem verweist Hevert auf insgesamt 329 klinische Studien zur Homöopathie. Von den 172 doppelblinden, placebokontrollierten Studien seien nach seiner Darstellung 42 Prozent positiv, 55 Prozent nicht schlüssig und lediglich drei Prozent negativ ausgefallen. Auch darin sieht er einen Hinweis darauf, dass in der öffentlichen Debatte mit unterschiedlichen Maßstäben gearbeitet werde.

Seine Schlussfolgerung lautet deshalb: Wenn Evidenz der Maßstab sein soll, müsse dieser Maßstab für alle Therapieformen gleichermaßen gelten.

„Ich sage nicht, dass Kritik falsch ist“, schreibt Hevert. „Ich sage: Wir brauchen einen ehrlicheren Maßstab.“

Kritik an unterschiedlichen Evidenzmaßstäben

Mit dieser Argumentation greift Hevert einen Einwand auf, der die Homöopathie-Debatte seit Jahren begleitet. Während in der öffentlichen Debatte bei der Homöopathie häufig auf fehlende oder widersprüchliche Evidenz verwiesen werde, würden in anderen Bereichen der Medizin Therapien mit begrenzter oder widersprüchlicher Evidenz selbstverständlich Bestandteil der Versorgung bleiben.

Genau hier sieht Hevert den politischen Kern der aktuellen Entscheidung: „Wenn ich von Homöopathie verlange, was ich von anderen Therapieformen nie einfordere, dann ist das kein wissenschaftlicher Anspruch. Das ist eine politische Entscheidung.“

Zugleich betont der Unternehmer, dass sich Hevert-Arzneimittel der wissenschaftlichen Diskussion stelle: „Wir investieren in Forschung. Wir verstecken uns nicht hinter Tradition. Aber wir akzeptieren auch keine Debatte, die mit ungleichen Gewichten misst.“

Sein Fazit lautet: „Die Frage ist nicht: Schulmedizin oder Homöopathie. Die Frage ist: Wollen wir wirklich evidenzbasiert denken – oder nur selektiv?“

Einzelne Hersteller werden politisch sichtbarer

Die Wortmeldung von Mathias Hevert markiert eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Wochen erstmals abzeichnet. Bislang hatten sich vor allem die Herstellerverbände öffentlich zu Wort gemeldet. Sowohl Pharma Deutschland als auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sprachen sich in ihren schriftlichen Stellungnahmen zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz gegen die geplante Streichung der Homöopathie aus und verwiesen unter anderem auf die Therapiefreiheit, die Satzungsautonomie der Krankenkassen und die Wahlfreiheit der Versicherten.

Persönliche politische Stellungnahmen von Unternehmenschefs der Homöopathie-Branche blieben dagegen bislang die Ausnahme. Genau hier setzt Hevert an. Mit seinem persönlichen LinkedIn-Beitrag positioniert sich einer der führenden deutschen Homöopathie-Unternehmer öffentlich gegen das Vorhaben der Bundesregierung und rückt die Frage nach unterschiedlichen Evidenzmaßstäben in den Mittelpunkt der Debatte.

Ob weitere Hersteller diesem Beispiel folgen, bleibt abzuwarten. Bislang treten andere namhafte Homöopathie-Hersteller öffentlich deutlich zurückhaltender auf und überlassen die politische Interessenvertretung weitgehend ihren Verbänden.

Den Beitrag von Mathias Hevert können Sie auf Linkedin lesen: Link.

 

(Foto: Hevert)


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