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Israelischer Forscher Prof. Menachem Oberbaum fordert neutrale Instanz gegen fragwürdige Löschung von Homöopathie-Studien bei Fachzeitschriften

Kurzfassung für Schnellleser

Seit Jahren kritisieren skeptische Organisationen öffentlich die wissenschaftliche Evidenz der Homöopathie. Ihr Lobby-Druck richtet inzwischen zunehmend direkt gegen Fachzeitschriften, die Homöopathie-Studien veröffentlichen. Studien werden immer häufiger nicht mehr publiziert oder später von den Fachzeitschriften wieder zurückgezogen.

Der israelische Forscher und Arzt für Homöopathie Prof. Menachem Oberbaum hält diese Entwicklung für ein strukturelles Problem wissenschaftlicher Fachzeitschriften. Im Interview mit dem Homoeopathiewatchblog fordert er deshalb als einer der ersten international bekannten Homöopathie-Forscher eine neutrale oder unabhängige Instanz für wissenschaftliche Retraktionen.

Oberbaum kritisiert fehlende transparente Kontrollmechanismen und warnt davor, dass Retraktionen zunehmend politisch und ideologisch genutzt würden.


Warum ein israelischer Forscher jetzt eine neutrale Kontrolle von Retraktionen fordert

Seit Jahren stellen skeptische Organisationen und Aktivisten weltweit öffentlich die wissenschaftliche Evidenz der Homöopathie infrage. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich der Druck skeptischer Netzwerke zunehmend direkt gegen Fachzeitschriften richtet, die Studien aus dem Bereich der Homöopathie oder Komplementärmedizin veröffentlichen.

Dieser öffentliche und mediale Druck der Homöopathie-Gegner führt dazu, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Homöopathie-Studien entweder gar nicht veröffentlicht oder nach ihrer Veröffentlichung wieder zurückgezogen wurden. Solche Retraktionen bleiben längst nicht mehr auf wissenschaftliche Fachdebatten beschränkt. Skeptiker und Gegner der Homöopathie nutzen sie heute regelmäßig auch öffentlich und politisch, um Zweifel an der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit homöopathischer Forschung insgesamt zu begründen.

Wenn Skeptiker Druck auf Fachzeitschriften ausüben – und die Politik das nutzt

Gerade in Deutschland erhält diese Entwicklung aktuell zusätzliche politische Brisanz. Denn während die Bundesregierung das geplante GKV-Aus der Homöopathie mit fehlender wissenschaftlicher Evidenz begründet, verstärken skeptische Netzwerke gleichzeitig den öffentlichen Druck auf Fachzeitschriften und Forscher aus dem Bereich der Homöopathie. Die wissenschaftliche Debatte über Homöopathie wird dadurch zunehmend Teil politischer und gesellschaftlicher Machtkonflikte.

Dabei wird aus Sicht vieler Homöopathie-Forscher ein strukturelles Problem sichtbar: Wissenschaftliche Studien müssen vor ihrer Veröffentlichung meist umfangreiche Peer-Review- und Prüfverfahren durchlaufen. Kommt es später zu öffentlichen Kampagnen gegen einzelne Studien, existieren für Retraktionen durch Fachzeitschriften dagegen häufig keine vergleichbar transparenten oder unabhängigen Kontrollmechanismen mehr.

Eine wissenschaftliche Retraktion durch eine Fachzeitschrift bedeutet dabei weit mehr als bloße Kritik an einer Studie. Wird eine wissenschaftliche Arbeit retrahiert, ziehen Fachzeitschrift oder Herausgeber die Veröffentlichung offiziell zurück. In der wissenschaftlichen Praxis führt dies häufig dazu, dass die betreffende Studie aus regulären wissenschaftlichen Such-, Zitier- und Veröffentlichungszusammenhängen weitgehend verschwindet. Für viele Wissenschaftler, Journalisten, Politiker und Leser gilt eine retrahierte Arbeit damit faktisch nicht mehr als legitimer Teil wissenschaftlichen Wissens.

Gerade deshalb haben Retraktionen oft erhebliche Folgen – nicht nur für einzelne Forscher, sondern auch für die öffentliche Wahrnehmung ganzer Forschungsfelder. Denn skeptische Netzwerke und Kritiker der Homöopathie nutzen solche Retraktionen inzwischen regelmäßig als Argument dafür, dass homöopathische Forschung insgesamt wissenschaftlich fragwürdig sei.

Warum Prof. Oberbaum eine neutrale Instanz fordert

Genau an diesem Punkt setzt nun Prof. Menachem Oberbaum an. Er gehört zu den ersten international bekannten Homöopathie-Forschern, die öffentlich die Einrichtung einer neutralen oder unabhängigen Instanz für wissenschaftliche Retraktionen fordern. Genau deshalb hat der Homoeopathiewatchblog mit dem israelischen Wissenschaftler im Mai ein ausführliches Interview geführt.

Oberbaum verschiebt die Debatte damit weg von einzelnen Studien hin zur grundsätzlichen Frage, wie wissenschaftliche Retraktionen künftig kontrolliert, überprüft und gegebenenfalls auch angefochten werden können.

Prof. Oberbaum ist Arzt für Homöopathie, langjähriger Leiter des „Center for Integrative Complementary Medicine“ am Shaare-Zedek-Medical-Center in Jerusalem, stellvertretender Chefredakteur der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Homeopathy, die mit Peer-Review-Verfahren arbeitet, sowie Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Editorial Boards. Damit spricht er nicht nur als Arzt und Forscher, sondern auch aus Sicht wissenschaftlicher Publikations- und Begutachtungsprozesse.

 


 

Nachfolgend fasst der Homoeopathiewatchblog zunächst die zentralen Aussagen Prof. Oberbaums zusammen. Im Anschluss folgt das vollständige Interview mit den Fragen und Antworten im Wortlaut.

Wenn Herausgeber von Fachzeitschriften gleichzeitig Richter und Vollstrecker sind

Im Zentrum der Kritik Oberbaums steht ein strukturelles Problem wissenschaftlicher Retraktionen. „Die Redaktion beziehungsweise das Journal bestimmt die Regeln. Sie fungiert zugleich als Ankläger, Richter und Vollstrecker, sagt der israelische Forscher dem Homoeopathiewatchblog. Ein echtes Berufungsverfahren existiere praktisch nicht.

Besonders kritisch sieht Oberbaum dabei einen neuen Maßstab, der nach seiner Darstellung inzwischen teilweise Anwendung finde. Retraktionen könnten mittlerweile bereits damit begründet werden, dass Herausgeber „das Vertrauen“ in einen Artikel verloren hätten. „Der Herausgeber muss seine Entscheidung dabei nicht zwingend durch konkrete Fakten oder nachweisbare wissenschaftliche Fehler belegen, warnt Oberbaum.

Nach seinen Angaben beruhten Retraktionen im Bereich der Komplementär- und Alternativmedizin deutlich häufiger auf subjektiven oder interpretativen Begründungen als in der konventionellen Medizin. „Über 90 % der Retraktionen in diesem Bereich erfolgten aufgrund subjektiver oder interpretativer Begründungen, erklärt Oberbaum. Die vollständige Datengrundlage dieser Analyse liegt dem Homoeopathiewatchblog bislang allerdings nicht vor und konnte daher nicht unabhängig überprüft werden.

Für Oberbaum geht die Debatte deshalb weit über einzelne Studien hinaus. Aus seiner Sicht steht mittlerweile grundsätzlich die Frage im Raum, wie offen wissenschaftliche Systeme künftig noch mit kontroversen oder nicht-mainstreamkonformen Forschungsfeldern umgehen.

Wenn Retraktionen von Fachzeitschriften politisch werden

Besonders problematisch erscheint Oberbaum die zunehmende politische Aufladung wissenschaftlicher Retraktionen. In der öffentlichen Wahrnehmung würden Retraktionen häufig nicht mehr als wissenschaftliche Korrektur verstanden, sondern als Beleg für Betrug, Unwissenschaftlichkeit oder moralisches Fehlverhalten.

„Retraktionen werden nicht selten zu politischen oder ideologischen Symbolen, sagt Oberbaum. Unterschiedliche Lager benutzten sie zunehmend „als Waffen im öffentlichen Diskurs. Dadurch verhärteten sich Fronten weiter, anstatt einen offenen wissenschaftlichen Dialog zu fördern.

Gerade in kontroversen Forschungsfeldern könne dadurch ein Klima entstehen, in dem Wissenschaftler bereits die Beschäftigung mit bestimmten Themen als Risiko für ihre wissenschaftliche Reputation wahrnehmen. „Wenn Wissenschaftler aus Angst vor Stigmatisierung oder möglichen Retraktionen bestimmte Forschungsfelder meiden, entsteht ein Klima der Selbstzensur, warnt Oberbaum.

Hinzu komme die Dynamik sozialer Medien. Schlagzeilen über zurückgezogene Studien verbreiteten sich heute oft deutlich schneller als wissenschaftliche Einordnungen oder methodische Details. Dadurch entstehe in Teilen der Öffentlichkeit schnell der Eindruck, ganze Forschungsfelder seien grundsätzlich unseriös oder unwissenschaftlich.

Forderung nach unabhängiger Retraktionsinstanz bei Fachzeitschriften

Als Konsequenz fordert Oberbaum eine unabhängige Instanz für schwerwiegende Retraktionsentscheidungen oder zumindest ein neutrales Berufungsverfahren außerhalb einzelner Fachzeitschriften.

Eine solche Institution müsse nach seiner Vorstellung pluralistisch besetzt sein und aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, Statistikern, Methodikern, Ethikern und Juristen bestehen. Ziel müsse es sein, Retraktionen stärker an objektive und nachvollziehbare Kriterien zu binden.

Besonders wichtig sei dabei die klare Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem Irrtum, methodischen Schwächen, wissenschaftlichem Fehlverhalten und bloßen Paradigmenkonflikten. „Wissenschaftliche Debatten dürfen nicht durch unklare oder ideologisch interpretierbare Begriffe entschieden werden, sagt Oberbaum.

Für Oberbaum geht es damit längst nicht mehr nur um einzelne Studien oder einzelne Forschungsfelder. Aus seiner Sicht steht mittlerweile eine grundsätzliche Frage im Raum: Wie offen bleiben wissenschaftliche Systeme künftig noch für kontroverse oder nicht-mainstreamkonforme Forschung?


Das vollständige Interview mit Prof. Menachem Oberbaum

Im folgenden Interview erläutert Prof. Menachem Oberbaum ausführlich seine Kritik an heutigen Retraktionsverfahren, seine Sicht auf den wachsenden politischen Druck auf Fachzeitschriften und seine Forderung nach einer neutralen Instanz für wissenschaftliche Retraktionen.

Das Interview führten Prof. Menachem Oberbaum und Christian J. Becker und im Mai 2026.

Christian J. Becker: Welche strukturellen Probleme sehen Sie derzeit bei Retraktionsverfahren wissenschaftlicher Studien?

Prof. Menachem Oberbaum: „Ein zentrales Merkmal jedes gerechten menschlichen Systems besteht darin, dass Macht an Regeln gebunden ist. Der vielleicht wichtigste und grundlegendste dieser Grundsätze ist die Gewaltenteilung. Dieses Thema beschäftigte bereits die vorsokratische Philosophie und später zahlreiche Denker wie Aristoteles, Thomas von Aquin, John Locke, Baruch Spinoza, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und vor allem Montesquieu. Ein System, in dem Gesetzgebung, Exekutive und Rechtsprechung nicht voneinander getrennt sind, kann letztlich kein ethisches System sein.

Das heutige Retraktionsverfahren wissenschaftlicher Publikationen ist ein deutliches Beispiel für ein System, in dem diese Prinzipien kaum beachtet werden. Die Redaktion beziehungsweise das Journal bestimmt die Regeln. Sie fungiert zugleich als Ankläger, Richter und Vollstrecker. Ein echtes Berufungsverfahren existiert praktisch nicht.

Hinzu kommt, dass die Kriterien für eine Retraktion weitgehend von COPE (Committee on Publication Ethics) festgelegt werden, einer internationalen Organisation, die Standards für wissenschaftliche und akademische Publikationsethik definiert. Vor kurzem wurde dort ein neuer und problematischer Grund eingeführt: Eine Retraktion kann bereits dann erfolgen, wenn ein Herausgeber „das Vertrauen“ in einen Artikel verloren hat. Der Herausgeber muss seine Entscheidung dabei nicht zwingend durch konkrete Fakten oder nachweisbare wissenschaftliche Fehler belegen. Es genügt, dass das „Vertrauen“ verloren gegangen sei. Dieses Problem betrifft inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften.

Offiziell wird heute meist behauptet, dass für Retraktionen dieselben Kriterien gelten – unabhängig davon, ob ein Artikel innerhalb des konventionellen wissenschaftlichen Paradigmas liegt oder aus Bereichen stammt, die ausserhalb des Mainstreams stehen, etwa aus der Komplementär- und Alternativmedizin (CAM). Dies würde vermutlich auch nahezu jeder Herausgeber bestätigen.

Eine von uns durchgeführte Übersichtsanalyse von Retraktionen in konventionellen medizinischen Fachzeitschriften seit Beginn dieses Jahrhunderts ergab jedoch ein anderes Bild. Dabei zeigte sich, dass bei konventionellen medizinischen Arbeiten etwa 25,7 % der Retraktionen auf objektiv nachvollziehbaren Gründen beruhten – also auf Sachverhalten, die dokumentierbar und kritisch überprüfbar sind, etwa methodischen Fehlern, Datenproblemen oder nachweisbarem Fehlverhalten.

Bei Arbeiten aus dem Bereich der Komplementär- und Alternativmedizin lag dieser Anteil dagegen nur bei 8,4 % – also bei etwa einem Drittel des Wertes konventioneller medizinischer Arbeiten. Mit anderen Worten: Über 90 % der Retraktionen in diesem Bereich erfolgten aufgrund subjektiver oder interpretativer Begründungen.

Diese Zahlen beweisen zwar nicht automatisch eine bewusste Diskriminierung. Sie werfen jedoch ernsthafte Fragen auf: Werden für kontroverse oder nicht-mainstreamkonforme Forschungsfelder in der Praxis andere Massstäbe angewendet? Und besteht die Gefahr, dass subjektive Kriterien gerade dort eingesetzt werden, wo wissenschaftliche Ergebnisse bestehende Paradigmen oder institutionelle Interessen herausfordern?

Genau deshalb halte ich transparente, objektive und unabhängige Retraktionsverfahren für so wichtig.

Die Folgen gehen weit über den persönlichen Schaden für den betroffenen Forscher hinaus, dessen wichtigstes Gut – seine wissenschaftliche Reputation – massiv beeinträchtigt wird. Gefährdet wird dadurch auch die Entwicklung der Wissenschaft selbst. Ein vorsichtiger Herausgeber, der den Ruf seiner Zeitschrift schützen möchte, wird versucht sein, Artikel zu entfernen, die ausserhalb des herrschenden Paradigmas liegen und die das redaktionelle Filtersystem „versehentlich“ passiert haben. Doch gerade solche Arbeiten waren oft Auslöser wissenschaftlicher Revolutionen und neuer intellektueller Impulse. Wenn nur noch konforme, „im Mainstream“ liegende Artikel bestehen bleiben, droht eine angepasste und letztlich oberflächliche Wissenschaft.“

Christian J. Becker: Welche Auswirkungen können wissenschaftliche Retraktionen aus Ihrer Sicht auf öffentliche und politische Debatten haben – insbesondere in stark polarisierten Themenfeldern wie der Komplementärmedizin oder Homöopathie?

Prof. Menachem Oberbaum: „Wissenschaftliche Retraktionen können erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche und politische Debatte haben – besonders in stark polarisierten Themenfeldern wie der Komplementärmedizin oder der Homöopathie. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit bedeutet eine Retraktion meist nicht einfach eine wissenschaftliche Korrektur, sondern wird als Beweis für Betrug, Unwissenschaftlichkeit oder sogar moralisches Fehlverhalten verstanden. Die feinen Unterschiede zwischen wissenschaftlichem Irrtum, methodischer Kritik, redaktionellen Konflikten oder ethischen Problemen gehen dabei häufig verloren.

Gerade in kontroversen Bereichen entsteht dadurch ein ernstes Problem: Retraktionen werden nicht selten zu politischen oder ideologischen Symbolen. Unterschiedliche Lager benutzen sie als Waffen im öffentlichen Diskurs. Eine Retraktion wird dann weniger als Teil eines offenen wissenschaftlichen Prozesses betrachtet, sondern vielmehr als endgültiger „Beweis, dass eine bestimmte Position illegitim sei. Dadurch verhärten sich Fronten weiter, anstatt einen differenzierten wissenschaftlichen Dialog zu fördern.

Besonders problematisch wird dies, wenn Forscher befürchten müssen, dass bereits das Arbeiten an kontroversen Themen ihre wissenschaftliche Reputation gefährden könnte. Wissenschaft lebt jedoch von der Freiheit, auch unbequeme oder unpopuläre Hypothesen zu untersuchen. Wenn Wissenschaftler aus Angst vor Stigmatisierung oder möglichen Retraktionen bestimmte Forschungsfelder meiden, entsteht ein Klima der Selbstzensur. Dies schadet langfristig nicht nur einzelnen Forschern, sondern der wissenschaftlichen Kultur insgesamt.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In Zeiten sozialer Medien verbreiten sich Retraktionen oft schneller und emotionaler als die ursprünglichen wissenschaftlichen Inhalte. Schlagzeilen wie „Studie zurückgezogen“ erzeugen starke öffentliche Reaktionen, während die komplexen Hintergründe kaum wahrgenommen werden. Dadurch kann das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft insgesamt beschädigt werden. Paradoxerweise kann ein Instrument, das eigentlich die Integritaet der Wissenschaft schützen soll, unter bestimmten Bedingungen selbst zur Polarisierung und zum Vertrauensverlust beitragen.

Gerade deshalb benötigen wir transparente, faire und klar nachvollziehbare Retraktionsverfahren. Wissenschaft darf weder ideologischen Kämpfen noch institutionellen Machtstrukturen ausgeliefert sein. Nur eine offene Debattenkultur kann verhindern, dass Retraktionen zu Instrumenten gesellschaftlicher oder politischer Ausgrenzung werden.

Christian J. Becker: Sie regen eine neutralere Instanz für Entscheidungen über wissenschaftliche Retraktionen an. Wie könnte eine solche Instanz konkret aussehen, welche Aufgaben sollte sie übernehmen – und zu welchen Verbesserungen im wissenschaftlichen System könnte das aus Ihrer Sicht im besten Fall führen?

Prof. Menachem Oberbaum: „Meines Erachtens benötigt die Wissenschaft ein Retraktionssystem, das stärker rechtsstaatlichen und ethischen Prinzipien verpflichtet ist. Eine mögliche Lösung wäre die Einrichtung einer unabhängigen, neutralen Instanz, die über schwerwiegende Retraktionsfaelle entscheidet oder zumindest als Berufungsinstanz fungiert.

Eine solche Instanz dürfte weder direkt den Zeitschriften noch den Verlagen unterstellt sein. Sie sollte aus einem pluralistischen Gremium bestehen: Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, Experten für Statistik und Methodologie, Ethiker, Juristen sowie möglicherweise auch Vertreter wissenschaftlicher Institutionen. Wichtig wäre dabei eine ausgewogene Zusammensetzung, um ideologische oder institutionelle Einseitigkeit zu vermeiden.

Zu ihren zentralen Aufgaben könnten gehören:

die Prüfung, ob die Voraussetzungen für eine Retraktion tatsächlich erfüllt sind,

die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem Irrtum, methodischen Schwächen, wissenschaftlichem Fehlverhalten und blossen Meinungs- oder Paradigmenkonflikten,

die Sicherstellung transparenter Verfahren,

sowie die Gewährleistung eines fairen Berufungsprozesses für betroffene Autoren.

Besonders wichtig erscheint mir, dass Retraktionen künftig auf klar dokumentierten Fakten beruhen müssen und nicht auf subjektiven Kriterien wie einem „Vertrauensverlust“ des Herausgebers. Wissenschaftliche Debatten dürfen nicht durch unklare oder ideologisch interpretierbare Begriffe entschieden werden.

Im besten Fall könnte eine solche Reform mehrere positive Folgen haben. Erstens würde sie das Vertrauen der Wissenschaftler in die Fairness des Systems stärken. Zweitens könnte sie dazu beitragen, dass kontroverse oder innovative Forschung nicht vorschnell unterdrückt wird. Drittens würde die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Retraktionen selbst steigen, weil klar wäre, dass Entscheidungen durch ein transparentes und unabhängiges Verfahren getroffen wurden.

Langfristig könnte dies zu einer offeneren wissenschaftlichen Kultur führen, in der Kritik, Unsicherheit und kontroverse Hypothesen nicht als Bedrohung betrachtet werden, sondern als notwendiger Bestandteil wissenschaftlichen Fortschritts. Wissenschaft entwickelt sich nicht durch Konformität, sondern durch die Freiheit, etablierte Annahmen infrage zu stellen.

Christian J. Becker: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Ihr
Christian J. Becker
Gesundheitsjournalist, Blogger

Aktiv für die Homöopathie und Heilpraktiker seit 2018 mit dem
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