Seit der Ausstrahlung der Böhmermann-Sendung am 19. Dezember erreichen mich täglich Mails. Viele Leser fragen, ob eine Programmbeschwerde überhaupt noch Sinn hat. Andere wollen wissen, wie das Verfahren beim ZDF konkret abläuft. Wieder andere wundern sich, warum ausgerechnet der Watchblog so intensiv über das Thema berichtet, während viele Verbände auffällig still bleiben.
Deshalb habe ich die wichtigsten Fragen gesammelt und beantworte sie hier Schritt für Schritt. Nicht juristisch verklausuliert, sondern so, wie es für Betroffene relevant ist.
Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit Programmbeschwerden?
Weil es sich nicht um Protestmails handelt, sondern um ein förmliches Verfahren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Programmbeschwerde ist die einzige Möglichkeit, gegen Böhmermann vorzugehen.
Eine Programmbeschwerde an den ZDF-Fernsehrat ist kein Leserbrief und kein Kommentar auf Social Media. Sie ist ein Rechtsmittel. Sie zwingt den Sender, sich mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen. Sie löst ein geregeltes Prüfverfahren aus. Und sie landet auf dem Tisch des ZDF-Intendanten und des Fernsehrats.
Genau deshalb ist dieses Instrument politisch und medienrechtlich so relevant.
Wie läuft das Verfahren beim ZDF ab: Zeitleiste
19. Dezember 2025
Ausstrahlung der Sendung „ZDF Magazin Royale“ zum Thema Heilpraktiker.
seit 19. Dezember 2025
Zuschauer, Heilpraktiker und Patienten reichen Programmbeschwerden beim ZDF ein, nachdem Homoeopathiewatchblog und Heilpraktiker-Newsblog einen Aufruf gestartet haben.
Januar 2026
Der ZDF-Fernsehrat eröffnet ein Verfahren gegen Jan Böhmermanns Sendung
Januar 2026
Der ZDF-Fernsehrat stellt fest, dass zahlreiche Beschwerden eingegangen sind.
Das Verfahren der Mehrfachbeschwerden wird angewendet.
Eine Beschwerde wird als Leitbeschwerde bestimmt.
Januar bis Februar 2026
Der ZDF-Intendant erhält weitere Beschwerden zur Prüfung.
Er ist gesetzlich verpflichtet, innerhalb eines Monats schriftlich Stellung zu nehmen.
Februar bis März 2026
Die Stellungnahme des Intendanten geht an den Beschwerdeführer und an den Fernsehrat.
13. März 2026
Nächste Sitzung des ZDF-Fernsehrats.
Dort kann entschieden werden, ob die Sendung beanstandet wird,
ob eine Einordnung verlangt wird
oder ob eine Empfehlung zur Depublikation ausgesprochen wird.
Wie läuft eine Programmbeschwerde beim ZDF konkret ab?
Wenn eine Programmbeschwerde beim ZDF eingeht, beginnt ein festgelegtes Verfahren.
Zunächst prüft die ZDF-Verwaltung den Eingang formal. Danach wird der Vorgang an den Intendanten weitergeleitet. Der Intendant ist gesetzlich verpflichtet, sich zu der Beschwerde zu äußern. Diese Stellungnahme ist kein formeller Akt, sondern Teil der Programmkontrolle.
Anschließend befasst sich der ZDF-Fernsehrat mit dem Vorgang. Der Fernsehrat ist das Aufsichtsgremium des ZDF. Er überwacht den Programmauftrag und prüft, ob die gesetzlichen Anforderungen eingehalten wurden.
Der Fernsehrat kann eine Beschwerde zurückweisen. Er kann sie teilweise für berechtigt erklären. Er kann eine Beanstandung aussprechen. Und er kann eine Empfehlung zur Einordnung oder zur Depublikation einer Sendung aus der Mediathek aussprechen.
Das ist kein symbolischer Vorgang, sondern gelebte Rundfunkaufsicht.
Muss ich nach dem Einreichen noch etwas tun?
Nein. Mit dem Absenden Ihrer Programmbeschwerde ist Ihr Teil erledigt. Sie werden als Beschwerdeführer geführt. Das bedeutet, dass Sie formell Beteiligter des Verfahrens sind. Sie haben Anspruch auf eine Antwort. Sie erhalten eine Rückmeldung des ZDF. Und Ihre Eingabe wird Teil der internen Dokumentation.
Sie müssen keine weiteren Schritte unternehmen. Sie müssen niemanden anrufen. Sie müssen nicht nachfassen. Das Verfahren läuft automatisch.
Warum startet der ZDF-Fernsehrat überhaupt ein Prüfverfahren?
Weil der Gesetzgeber es so vorgesehen hat. Weil Leser des Homoeopathiewatchblog viele und substantielle Programmbeschwerden an den ZDF-Fernsehrat gerichtet haben. Dadurch wird das Verfahren gegen Böhmermann formell eröffnet im ZDF.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter besonderer Kontrolle. Er wird aus Rundfunkbeiträgen finanziert. Er unterliegt dem ZDF-Staatsvertrag. Und er ist zur Einhaltung journalistischer Grundsätze verpflichtet. Dazu gehören Sachlichkeit, Ausgewogenheit, journalistische Sorgfalt und die klare Trennung von Meinung, Satire und Information. Wenn Zuschauer eine Verletzung dieser Grundsätze rügen, muss der Fernsehrat prüfen, ob der Vorwurf berechtigt ist.
Wer ruft aktuell zu Programmbeschwerden auf?
Der Watchblog ruft dazu auf. Der Heilpraktiker-Newsblog ruft dazu auf. Viele Heilpraktiker rufen in ihren Netzwerken dazu auf. Zahlreiche Patienten schreiben mir, dass sie erstmals in ihrem Leben eine Programmbeschwerde eingereicht haben.
Was bislang auffällt: Aus den großen Verbänden kommt bislang wenig öffentliche Mobilisierung.
Rufen Heilpraktiker-Verbände zu Programmbeschwerden auf?
Nein.
Manche Verbände sehen Aktivitäten des Homoeopathiewatchblog und Heilpraktiker-Newsblog kritisch und daher sehen sie auch die Programmbeschwerde kritisch. Sie denken, wenn sie zu Programmbeschwerden aufrufen, machen sie Werbung für die Blogs. Viele Verbände haben Angst vor der Schnelligkeit der Blogs. Sie verstehen nicht, dass sie diese Schnelligkeit der Blogs auch nutzen können, wenn sie möchten.
In Gesprächen mit Verbandsvertretern höre ich häufig zwei Argumente. Das erste lautet, man wolle der Sendung keine zusätzliche Aufmerksamkeit geben. Das zweite lautet, man halte andere Themen für wichtiger.
Beides ist aus Verbandsperspektive verständlich. Beides greift aber zu kurz.
Denn mediale Kampagnen sind oft der Einstieg in politische Prozesse. Genau dieses Muster haben wir bei der Homöopathie erlebt. 2019 begann es mit medialem Framing. Danach folgten politische Initiativen. Heute stehen Erstattung und Arzneimittelstatus auf der Tagesordnung. Wer Medienwirkung unterschätzt, versteht moderne Politik nicht.
Das Gute: Die Leser des Homoeopathiewatchblog und des Heilpraktiker-Newsblog verstehen die politische und mediale Dynamik und handeln.
Ich sehe das nüchtern als Aktivist für Homöopathie und Heilpraktiker: Wenn Verbände aus welchen Gründen auch immer nicht ausserhalb ihrer Blase funktionieren, dann starten der Homoeopathiewatchblog und Heilpraktiker-Newsblog mit ihren Lesern eine Kampagne wie #rettedeinehomöopathie und aktiviert Menschen, denen Homöopathie und Heilpraktiker am Herzen liegen und die sich engagieren möchten. Ich verstehe mich damit nicht als Verbandsersatz (was Verbände gern behaupten). Aber wenn Verbände nicht ausserhalb ihrer Blase und Vorstandssitzungen und Kleinkriegen zwischen den Verbänden funktionieren, dann sind sie irrelevant, wenn sie für öffentliche Aktivitäten benötigt werden. Wie sagte es der Vorstand eines großen Konzerns: Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen überholen die Langsamen. Die Verbände können sich aktuell mit Böhmermann, Gutachten, CDU-Schwenk, 8. März etc. keine Langsamkeit leisten – aber das haben sie noch nicht begriffen, so mein subjektiver Eindruck als Gesundheitsjournalist.
Der erste Erfolg dieser Mitmachkampagne, dass der ZDF-Fernsehrat durch die Beschwerden der Blog-Leser eine Verfahren gegen Böhmermann eröffnet, zeigt, dass #rettedeinehomöopathie funktioniert. Wenn Verbände noch mitmachen möchten, ist das gut.
Wie geht es jetzt konkret weiter?
Der nächste Sitzungstermin des ZDF-Fernsehrats ist der 13. März. Bis dahin werden alle eingegangenen Programmbeschwerden gesammelt, geprüft und dem Intendanten zur Stellungnahme vorgelegt. Danach befasst sich der Fernsehrat mit dem Vorgang.
Je mehr Eingaben bis dahin vorliegen, desto größer ist der politische Druck, sich inhaltlich mit der Sendung auseinanderzusetzen. Ein Einzelfall wird abgeheftet. Eine Welle wird ernst genommen.
Was ist ein Beschwerdeführer?
Ein Beschwerdeführer ist eine Person, die formell Programmbeschwerde eingelegt hat. Der Beschwerdeführer ist Teil des Verfahrens. Er hat Anspruch auf Information. Er erhält eine Antwort. Und er ist dokumentiert. In medienrechtlicher Hinsicht ist der Beschwerdeführer kein Bittsteller, sondern Beteiligter.
Wie stehen die Chancen?
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Programmbeschwerden Wirkung entfalten können. Im Jahr 2023 wurde ein Beitrag des ZDF Magazin Royale nach massiver Kritik und zahlreicher Beschwerden aus der Mediathek zurückgezogen. Der Sender sprach damals von einer „journalistischen Neubewertung“.
Solche Fälle sind selten. Aber sie existieren. Und sie entstehen nicht durch Schweigen, sondern durch Druck.
Soll ich jetzt noch Programmbeschwerde einreichen?
Ja.
Der Zeitpunkt ist richtig. Das Verfahren läuft. Der Fernsehrat bereitet sich auf seine Sitzung vor. Die Stellungnahme des Intendanten entsteht auf Grundlage der vorliegenden Eingaben.
Jede Beschwerde erhöht das Gewicht des Vorgangs.
Absolut wichtig: Ihre Mail muss das Wort „Programmbeschwerde“ enthalten, damit der ZDF-Fernsehrat Ihre Mail auch akzeptiert im Verfahren gegen Böhmermann.
So reichen Sie Ihre Programmbeschwerde ein
Eine Programmbeschwerde ist einfach, kostenfrei und wirkungsvoll. Sie dauert wenige Minuten.Schreiben Sie eine E-Mail an den ZDF-Fernsehrat:
fernsehrat@zdf.de
Geben Sie im Betreff an:
Programmbeschwerde zur Sendung „ZDF Magazin Royale“ vom 19.12.2025
Beschreiben Sie in eigenen Worten,
was Sie an der Sendung kritisieren,
warum Sie sich unfair dargestellt oder angegriffen fühlen
und warum Sie eine Prüfung für notwendig halten.
Sie können sich dabei gern an dem Muster im Watchblog orientieren oder Teile übernehmen (Link).
Mehr müssen Sie nicht tun. Es entstehen keine Kosten. Sie haben keine Verpflichtungen. Sie gehen kein Risiko ein.
Warum sind viele Programmbeschwerden notwendig?
Weil öffentlich-rechtliche Gremien priorisieren müssen. Der Fernsehrat befasst sich mit vielen Themen. Nicht jede Eingabe erhält die gleiche Aufmerksamkeit. Was als Einzelfall erscheint, wird administrativ abgearbeitet. Was als gesellschaftlich relevantes Thema erscheint, wird politisch diskutiert.
Viele Beschwerden bedeuten: Relevanz. Wenige Beschwerden bedeuten: Randthema.
So einfach ist das.
Wie viele Programmbeschwerden gab es 2025 insgesamt?
Das ZDF veröffentlicht regelmäßig Zahlen zu Programmbeschwerden. Im Jahr 2025 gingen beim ZDF etwa 130 Programmbeschwerden zu verschiedenen Sendungen ein. Der überwiegende Teil betraf einzelne Unterhaltungs- und Informationsformate.
Nur ein sehr kleiner Teil dieser Beschwerden erreichte eine medienrechtliche Relevanzebene im Fernsehrat. Genau deshalb ist es so wichtig, aus der Masse herauszuragen. Bereits vor der Ausstrahlung der Böhmermann-Sendung haben Leser an die Redaktion 742 Beschwerden gerichtet gehabt, wie Böhmermann bestätigt hat.
Warum hört man sonst so wenig darüber?
Weil Programmbeschwerden kein mediales Spektakel sind.Sie laufen leise. Sie laufen formal. Sie laufen in Gremien. Sie laufen in Akten. Aber genau dort werden Entscheidungen vorbereitet.
Sonderfall „Leitbeschwerde“: Was das bedeutet – und warum das ein gutes Zeichen ist
Viele Leser haben mich in den letzten Tagen gefragt, was es bedeutet, wenn das ZDF von einer „Leitbeschwerde“ spricht. Einige waren verunsichert, andere sogar beunruhigt. Deshalb ist es wichtig, diesen Punkt klar einzuordnen.
Wenn zu einer Sendung besonders viele Programmbeschwerden eingehen, wendet das ZDF das sogenannte Verfahren der Mehrfachbeschwerden an. Das ist in der ZDF-Satzung ausdrücklich vorgesehen. Ziel ist es, die Vielzahl der Beschwerden gebündelt zu prüfen.
In diesem Fall wählt der Fernsehrat eine Beschwerde als sogenannte Leitbeschwerde aus. Diese Leitbeschwerde wird stellvertretend für alle weiteren Beschwerden behandelt. Die übrigen Eingaben werden nicht ignoriert, sondern fließen in die Bewertung mit ein. Das ist kein Nachteil für die Beschwerdeführer. Im Gegenteil.
Eine Leitbeschwerde ist ein deutliches Signal, dass eine Sendung eine ungewöhnlich hohe Zahl an Beanstandungen ausgelöst hat. Sie zeigt dem ZDF, dass hier kein Einzelfall vorliegt, sondern ein Vorgang mit gesellschaftlicher Relevanz. Genau das ist jetzt bei der Böhmermann-Sendung geschehen.
Die Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, Gerda Hasselfeldt, hat in einem offiziellen Schreiben bestätigt, dass wegen der zahlreichen eingegangenen Beschwerden das Verfahren der Mehrfachbeschwerden angewendet wird und eine Leitbeschwerde bestimmt wurde.
Muss ein Beschwerdeführer als Leitbeschwerde besondere Pflichten erfüllen?
Nein. Der Beschwerdeführer hat keinerlei zusätzliche Verpflichtungen. Er muss nicht vor dem Fernsehrat erscheinen. Er muss keinen Anwalt beauftragen.
Er trägt keine Kosten. Er muss keine Unterlagen nachreichen. Er muss keine Gespräche führen.
Das Verfahren ist ein rein schriftlicher Vorgang. Es handelt sich nicht um ein Gerichtsverfahren, sondern um ein internes Prüfverfahren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Der Beschwerdeführer ist kein Angeklagter. Er steht nicht unter Beobachtung. Und er hat keinerlei berufsrechtliche oder rechtliche Konsequenzen zu befürchten.
Wie läuft das Verfahren bei einer Leitbeschwerde weiter?
Auch bei einer Leitbeschwerde gilt der normale Ablauf: Zunächst erhält der ZDF-Intendant die Beschwerde zur Prüfung. Er muss innerhalb eines Monats eine schriftliche Stellungnahme abgeben. Diese geht an den Beschwerdeführer und an den Fernsehrat.
Danach entscheidet sich, ob der Vorgang im zuständigen Beschwerdeausschuss und anschließend im Fernsehrat beraten wird. Sollte der Beschwerdeführer mit der Antwort des Intendanten nicht zufrieden sein, kann er innerhalb eines Monats ausdrücklich verlangen, dass der Fernsehrat sich mit dem Fall befasst. Dann kommt der Vorgang auf die Tagesordnung.
Leitbeschwerde: Was bedeutet das politisch?
Dass der Fernsehrat das Verfahren der Mehrfachbeschwerden anwendet, zeigt vor allem eines:
Die Sendung wird nicht als Randnotiz behandelt. Sie ist ein Vorgang, der auf Ebene der Programmkontrolle angekommen ist.
Genau deshalb ist es so wichtig, dass jetzt möglichst viele Programmbeschwerden eingehen. Jede einzelne Eingabe erhöht das Gewicht des Verfahrens. Jede einzelne Beschwerde verstärkt das Signal, dass diese Sendung nicht einfach hingenommen wird.
Mein Fazit
Wer möchte, dass die Böhmermann-Sendung folgenlos verpufft, muss nichts tun. Wer möchte, dass sie geprüft wird, sollte Programmbeschwerde einreichen.
Das Verfahren läuft. Der Zeitplan steht. Der Fernsehrat tagt am 13. März. Der Intendant wird Stellung nehmen. Die Weichen werden jetzt gestellt. Ob diese Sendung ein weiterer Baustein in einer Kampagne gegen den Heilpraktiker-Beruf wird oder ein einmaliger Ausreißer bleibt, entscheidet sich nicht auf Twitter und nicht in Talkshows.
Es entscheidet sich im Fernsehrat. Und dort zählen nur formelle Eingaben.
Wichtig: Wenn Sie noch eine weitere Frage haben, ergänzen Sie diese bitte in den Kommentaren. Ich werde sie beantworten und in diesem Artikel ergänzen.
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