Es passiert nicht oft, dass eine wissenschaftliche Fachgesellschaft aktiv das Gespräch mit der Politik sucht. Genau das hat die WissHom (Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie e. V., Köthen) jetzt getan. Ein ausführlicher Brief, unterzeichnet vom Präsidenten der WissHom, Prof. Michael Frass, ging in dieser Woche an zentrale Entscheidungsträger: Bundeskanzler, Ministerien, Parteivorsitzende, gesundheitspolitische Sprecher, Behörden und große Krankenkassen. Für Heilpraktiker besonders interessant: Im Brief der Wissenschaftlichen Gesellschaft WissHom werden der Arztberuf und der Beruf des Heilpraktikers als Grundlage der Gesundheitsversorgung positioniert.
Der Brief ist sachlich. Und er hat Gewicht. Denn er stellt eine Frage, die in der Debatte um Homöopathie selten offen ausgesprochen wird:
Wie kann es sein, dass weltweit dieselbe wissenschaftliche Literatur vorliegt – und trotzdem völlig unterschiedliche politische Entscheidungen getroffen werden?
Ich habe in den vergangenen Wochen im Rahmen der Mitmachkampagne #rettedeinehomöopathie immer wieder dafür geworben (Link), dass die Debatte über Homöopathie aus der ideologischen Dauerschleife herausgeführt und auf eine fachliche Ebene zurückgeholt werden muss – mit der Politik, nicht über sie hinweg. Dass mit der WissHom nun eine wissenschaftliche Fachgesellschaft diesen Weg wählt, ist deshalb ein bemerkenswertes Signal. Den Brief im Wortlaut können Sie auf der Website der Fachgesellschaft lesen.
Ein Brief, der erklärt statt zu verteidigen
WissHom argumentiert nicht emotional, nicht kämpferisch, nicht defensiv. Der Ton ist ruhig, analytisch, wissenschaftlich. Der Brief liegt dem Homoeopathiewatchblog vor.
Im Zentrum steht der Hinweis der WissHom auf eine politische Schieflage:
In vielen Ländern ist Homöopathie Teil regulierter Versorgungsmodelle. In der Schweiz etwa existieren staatlich eingebundene Strukturen. In Indien ist Homöopathie fester Bestandteil eines staatlichen Gesundheitssystems mit universitärer Ausbildung. In Deutschland hingegen wird aktuell eher darüber diskutiert, homöopathische Leistungen aus dem Versorgungssystem zu drängen.
Dabei, so WissHom, liegt überall dieselbe wissenschaftliche Literatur vor. Die Unterschiede entstehen nicht aus der Datenlage, sondern aus der politischen Bewertung dieser Daten – und aus der Frage, welche Rolle Patientennachfrage, Versorgungsrealität und internationale Erfahrungen spielen dürfen.
Der Brief der WissHom erinnert daran, dass Evidenz nicht nur aus randomisiert-kontrollierten Studien besteht, sondern auch aus Versorgungsforschung, Registerdaten, Beobachtungsstudien, gesundheitsökonomischen Analysen und Untersuchungen zur Lebensqualität. Ein evidenzbasiertes Gesamtbild entsteht erst aus der Zusammenschau dieser Ebenen.
Das ist ein wichtiger Punkt. Denn damit verlässt die Diskussion das bekannte Schwarz-Weiß-Schema. Es geht nicht mehr nur um „dafür oder dagegen“, sondern um die Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Evidenz um, die komplexer ist als ein einfaches Ja-Nein-Signal?
Ein politischer Impuls aus der Wissenschaft
Bemerkenswert ist auch der politische Ansatz des Schreibens. WissHom fordert keine Sonderbehandlung, keine Ausnahmen, keine Privilegien. Die Fachgesellschaft wirbt vielmehr für eine nüchterne, kontrollierte und verantwortungsvolle gesundheitspolitische Einordnung.
Der Brief warnt ausdrücklich vor pauschalen Streichungen oder einem Verbot homöopathischer Arzneimittel. Solche Schritte würden Versorgungsrealitäten ignorieren, Patientennachfrage ausblenden und eine differenzierte Weiterentwicklung erschweren.
Stattdessen bietet WissHom an, ihre wissenschaftliche Expertise in einen sachlichen Austausch einzubringen – mit dem Ziel, Versorgung, Qualität und Patientensicherheit in den Mittelpunkt zu stellen.
Das ist kein Lobbybrief. Das ist ein wissenschaftlicher Impuls an die Politik.
Ein kurzer Austausch mit Prof. Michael Frass
Ich habe Prof. Michael Frass, Präsident der WissHom und Verfasser des Briefes, gefragt, warum die Wissenschaft jetzt aktiv das Gespräch mit der Politik sucht.
Seine Antwort:
„Gesundheitspolitische Entscheidungen haben langfristige Folgen für Versorgung, Patientensicherheit und medizinische Praxis. Wissenschaft kann helfen, diese Komplexität zu erklären und internationale Erfahrungen einzuordnen. Unser Ziel ist kein Streitgespräch, sondern ein sachlicher Austausch auf fachlicher Grundlage.“
Was heißt das für die Homöopathie-Debatte in Deutschland?
Aus meiner Sicht ist dieser Schritt und dieser Brief an über dreißig Entscheider ein wichtiges Signal: raus aus der Verteidigung, rein in den Dialog, auf Augenhöhe mit der Politik.
Deutschland ist das historische Mutterland der Homöopathie, es ist das Land, in dem Samuel Hahnemann die Therapie im 18. Jahrhundert begründet hat – zugleich aber ist es eines der Länder mit der derzeit härtesten politischen Bewertung gegen Homöopathie.
Vielleicht beginnt hier ein notwendiger Perspektivwechsel: weg von reflexhaften Kürzungsdebatten, hin zur Frage, wie Homöopathie verantwortungsvoll Teil moderner Versorgung sein kann.
Die Wissenschaft hat jedenfalls den ersten Schritt gemacht. Mein Dank als Patient und Aktivist für die Homöpathie geht an Professor Frass und die WissHom für die Weitsicht und das Engagement.
Drei Initiativen und ein gemeinsames Ziel für die Homöopathie
Dass sich das Thema Homöopathie derzeit auf mehreren Ebenen in der Homöopathie-Gemeinschaft gleichzeitig bewegt, zeigt auch ein aktuelles Interview eines Vereins für Ärzte mit einem Bundestagsabgeordneten im Newsletter für Mitglieder. Darin geht es um Homöopathie, Wahlfreiheit für Patienten sowie um gesundheitspolitische Reformfragen. Das Gespräch ist ein weiteres Mosaiksteinchen in einer Debatte, die sich in den vergangenen Wochen spürbar beschleunigt hat.
Während Prof. Michael Frass als Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie mit seinem Brief bewusst den öffentlichen Dialog mit vielen Persönlichkeiten aus Politik und Institutionen sucht (Link Website WissHom) und die wissenschaftliche Diskussion auf die politische Bühne hebt, wählt der Ärzte-Verein eher den klassischen Verbandsweg im Newsletter an Mitglieder.
Der Impuls für diese neue Dynamik kam der Homöopathie-Gemeinschaft selbst (Link): Mit der Mitmachkampagne #RetteDeineHomöopathie und dem vom Watchblog über Weihnachten entwickelten Vorschlag und Konzept (Link), einen strukturierten Dialog mit der Politik zu beginnen, ist innerhalb weniger Tage eine breite Debatte entstanden. Diese Debatte hat inzwischen Wissenschaft, Vereine und Politik gleichermaßen erreicht.
Der Homoeopathiewatchblog hat gemeinsam mit seinen Leserinnen und Lesern den Impuls gesetzt. Wissenschaft und Vereine greifen ihn nun auf – auf unterschiedlichen Ebenen, mit unterschiedlichen Instrumenten, aber mit einem gemeinsamen Ziel: Homöopathie als Teil der medizinischen Vielfalt im politischen Gespräch zu halten.
Der Brief
WissHom hat den vollständigen Wortlaut des Schreibens von Professor Michael Frass an über dreißig Persönlichkeiten der Politik, Institutionen und Krankenkassen online im Sinne der Transparenz veröffentlicht.
Sie finden ihn auf der Website der Wissenschaftlichen Fachgesellschaft WissHom im Bereich „Aktuelles“. (Link abrufbar unter https://www.wisshom.de/wissenschaftlicher-positionsbrief-von-wisshom-an-politik-und-positionen/
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