Die Finanzkommission Gesundheit zeigt sich überrascht, wie wenig Widerstand ihr Vorschlag vom 30.3. zur Streichung der Homöopathie aus der gesetzlichen Krankenversicherung bislang auslöst.
Im Interview mit dem Ärzteblatt (Link ) macht der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Prof. Ferdinand Gerlach, deutlich: Die Streichung der Homöopathie gilt intern als politisch durchsetzbar – und verweist dabei ausdrücklich darauf, dass es „erstaunlich wenig Widerstand“ gegen diese Empfehlung zur Streichung der Homöopathie gebe. Der FAZ hatte er gesagt, dass er mit einem „Shitstorm in epischer Dimension“ gerechnet habe. Die Realität überrascht ihn, wie er dem Ärzteblatt sagt: „Die Kommentare, die mich aus der Bevölkerung dazu bisher erreicht haben, waren zu 90 Prozent positiv. Das hat mich überrascht. Ich hätte mehr Kritik an der Empfehlung zur … Streichung der Homöopathie erwartet.“
Damit wird ein Punkt offen benannt, der für die politische Bewertung entscheidend ist:
Die Homöopathie wird aktuell von der Regierung nicht als konfliktträchtiges Thema wahrgenommen, da für die Politik kein Widerstand aus Reihen der aus ihrer Sicht verantwortlichen Homöopathie-Verbände und -Hersteller wahrnehmbar ist. Die Homöopathie-Verbände wie DZVHAE und weils hilft sowie Verbände der Homöopathie-Hersteller wie Pharma Deutschland und BPI sind im Lobbyregister des Bundestages eingetragen und daher Ansprechpartner für die Politik. Sein Erstaunen über deren nicht wahrnehmbaren Widerstand formuliert der Kommissionsverantwortliche Prof. Gerlach sehr deutlich im Interview mit dem Ärzteblatt.
Die Empfehlung der Kommission wird in Kürze zur Politik: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken erklärte am 31.3., dass sie die Empfehlung der FKG in einen Gesetzesvorschlag überführen will, der noch vor der Sommerpause als Gesetzespaket im Bundestag verabschiedet werden soll.
Kommission sieht Homöopathie als „Falsche Medizin“
Wie die Kommission die Homöopathie selbst einordnet, zeigt eine zweite Passage des Interviews. Gerlach sagt:
„Somit fällt die Homöopathie, das Hautkrebsscreening raus, auch sollen über Zweitmeinungen unnötige Operationen verhindert werden. Genau, wir wollen Patienten und die Solidargemeinschaft vor zu viel und falscher Medizin schützen.“
Die Formulierung ist eindeutig. Homöopathie wird hier nicht als Randthema oder Einzelfall beschrieben, sondern in einen größeren Zusammenhang gestellt: als Beispiel für „falsche Medizin“, vor der das System geschützt werden soll.
Damit verschiebt sich der Ton der Debatte. Es geht nicht mehr um die Frage, ob eine Leistung optional ist oder wie hoch ihre Kosten sind. Es geht um die grundsätzliche Einordnung innerhalb des Systems.
Eine Maßnahme – und eine neue Logik
Vor diesem Hintergrund bekommt die Empfehlung der Kommission eine andere Bedeutung. Offiziell ist sie Teil eines Maßnahmenpakets zur Stabilisierung der GKV. Gleichzeitig weist die Kommission selbst für die Streichung der Homöopathie kein nennenswertes Einsparvolumen aus. Der eigentliche Kern liegt daher an anderer Stelle: Die Kommission führt einen neuen Maßstab ein, mit dem sich Leistungen künftig bewerten und begründen lassen – den Maßstab „evidenzbasiert“.
Homöopathie als erster Schritt
Damit diese Logik politisch greifen kann, braucht sie einen ersten konkreten Anwendungsfall.
Die Homöopathie erfüllt diese Rolle aus Sicht der Kommission in mehrfacher Hinsicht:
- sie gilt als nicht evidenzbasiert
- sie hat keine starke, konfliktfähige Verteidigungsstruktur
- ihre Streichung ist politisch vergleichsweise leicht vermittelbar
Dass gleichzeitig nur geringer Widerstand gegen die Homöopathie-Streichung sichtbar ist, bestätigt diese Einschätzung – die Kommission trifft hier auf ein Feld, in dem, wie Gerlach formuliert, „erstaunlich wenig Widerstand“ erkennbar ist.
Der größere Zusammenhang
Im Interview wird deutlich, dass die Kommission ihre Vorschläge als Einstieg versteht. Weitere Empfehlungen sollen folgen.
Die Stoßrichtung ist damit klar: Ist der erste Schritt politisch durchsetzbar, kann der gleiche Maßstab auch auf andere Leistungen angewendet werden – etwa auf bestimmte Screeningprogramme oder Operationen.
Die Debatte über die Homöopathie ist damit Teil einer größeren Verschiebung.
Fazit
Die Finanzkommission trifft mit ihrem Vorschlag auf ein Umfeld, in dem Widerstand bislang begrenzt bleibt. Gleichzeitig ordnet sie die Homöopathie klar als „falsche Medizin“ ein und nutzt sie als ersten Anwendungsfall für eine neue Bewertungslogik im Gesundheitssystem.
Die Streichung der Homöopathie ist für die Finanzkommission Gesundheit damit der Einstieg in ein neues Bewertungssystem: Medizin wird als richtig oder falsch eingeordnet, als evidenzbasiert oder nicht evidenzbasiert aus Sicht der Kommission.
Mit dem Streichen der Homöopathie wird damit ein Maßstab etabliert, der künftig auch auf andere medizinische Bereiche angewendet wird.
Wie haben Akteure der Homöopathie auf die Streichungs-Ankündigung der Finanzkommission am 30.3. reagiert?
Hier können Sie eine Analyse der Aktivitäten von BPH, DZVHAE, weils hilft und Homoeopathiewatchblog lesen: Link
(Transparenzhinweis: Diese Mitmachkampagne #rettedeinehomöopathie des Homoeopathiewatchblog erhält keine sachliche oder materielle Unterstützung von Verbänden der Homöopathie. Allein die drei Heilpraktikerinnen von Dimensions of Homeopathy (Gabi Schörk, Andra Dattler, Erika Rau) haben öffentlich deutlich gemacht, dass sie den Watchblog mit seinen Aktivitäten für Homöopathie und Heilpraktiker empfehlen (Link). Die Mitmachkampagne baut auf dem Engagement und Kompetenz des Homoeopathiewatchblog, dem Engagement seiner Leser und ein wenig auf den Kaffeespenden der Watchblog-Leser und Club-Mitglieder auf, mit denen der Blog gegen Angriffe von Skeptikern und anderen Gegnern durch einen Anwalt und IT-Experten verteidigt werden kann.)
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