Es war eine der erbittertsten Auseinandersetzungen um eine Homöopathiestudie der vergangenen Jahre. Die Krebsstudie von Prof. Michael Frass wurde angegriffen, überprüft, 2024 in ihrer Richtigkeit bestätigt und schließlich 2025 vom Journal The Oncologist zurückgezogen. Für ihre Kritiker schien die Sache damit erledigt. Doch jetzt ist die Studie wieder da: Ein anderes hochkarätiges onkologisches Fachjournal hat die in vielen Teilen erweiterte und überarbeitete Arbeit veröffentlicht. Im HomoeopathieWatchblog spricht Prof. Frass über dieses wissenschaftliche Comeback – und darüber, was er heute den Kritikern seiner Studie antwortet.
Am 10. September 2026 wurde die Studie von Prof. Frass im internationalen Fachjournal Supportive Care in Cancer mit vielen Ergänzungen erneut veröffentlicht. Es handelt sich nicht um eine neue Studie mit neuen Patienten, sondern um eine neu aufgearbeitete Veröffentlichung derselben klinischen Untersuchung. Die Autoren legen die ungewöhnliche Vorgeschichte einschließlich der Retraction ausdrücklich offen.
Damit kehrt eine Homöopathie-Studie in die wissenschaftliche Literatur zurück, um die seit sechs Jahren heftig gestritten wird.
2020 begann eine ungewöhnliche Geschichte
Die ursprüngliche Studie erschien 2020 in The Oncologist. Prof. Frass und seine Kollegen hatten untersucht, ob individualisierte Homöopathie zusätzlich zur konventionellen Behandlung bei Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs einen Einfluss auf Lebensqualität und Überleben haben könnte. Diese Untersuchung fand neben dem Allgemeinen Krankenhaus noch in drei weiteren Kliniken statt.
Die Ergebnisse sorgten für Aufsehen. Die Lebensqualität entwickelte sich unter zusätzlicher Homöopathie besser als unter Placebo. Auch beim Überleben zeigte sich ein deutlicher Unterschied.
Doch bald begann eine intensive Auseinandersetzung um die Arbeit. Homöopathie-Kritiker nahmen Methodik und Daten unter die Lupe, erhoben schwere Vorwürfe, Skeptiker forderten Konsequenzen. Es folgten Überprüfungen, Korrekturen und eine „Expression of Concern“ des Journals.
Der HomoeopathieWatchblog hat diese Auseinandersetzung von Anfang an nicht nur beobachtet, sondern Prof. Frass immer wieder die Möglichkeit gegeben, selbst ausführlich zu den schweren Vorwürfen gegen seine Studie Stellung zu nehmen. Das war gerade deshalb wichtig, weil in der öffentlichen Debatte und Medien häufig nur die Kritik an der Studie im Vordergrund stand, während die Position des Forschers selbst kaum Raum bekam. Der Watchblog versteht sich auch hier als Stimme für die Homöopathie: Wissenschaftler, Ärzte, Heilpraktiker, Patienten und andere Repräsentanten der Homöopathie haben die Möglichkeit, ihre Argumente öffentlich darzustellen. Bereits 2022 erklärte Prof. Frass in einem ausführlichen Watchblog-Interview, warum er die gegen ihn und seine Studie erhobenen Vorwürfe zurückwies.
2024 schien der Streit entschieden
Im Herbst 2024 nahm die Geschichte eine überraschende Wendung. The Oncologist veröffentlichte nach erneuter Prüfung eine weitere Korrektur. Das Journal erklärte dabei, dass die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Studie korrekt seien.
Prof. Frass wertete dies als wichtigen Erfolg nach der jahrelangen Auseinandersetzung. Im HomoeopathieWatchblog sprach er darüber im Interview „Homöopathie setzt sich gegen Anti-Homöopathie-Lobby durch“.
Man hätte meinen können, damit sei die jahrelange Auseinandersetzung beendet. Das Gegenteil geschah.
Dann kam doch die Retraction
Im November 2025 zog The Oncologist die Studie zurück. Das Journal erklärte, aufgrund weiterhin bestehender Bedenken habe es kein ausreichendes Vertrauen mehr in die berichteten Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Die Retraction war genau die Konsequenz, die Kritiker der Arbeit seit Jahren gefordert hatten.
Prof. Frass akzeptierte diesen Schlusspunkt nicht. Auch die Mehrheit der damaligen Mitautoren stimmte der Rücknahme nicht zu. Im Dezember 2025 sprach Prof. Frass im HomoeopathieWatchblog ausführlich zur Retraction und zu den gegen seine Studie erhobenen Vorwürfen .
Damit schien die wissenschaftliche Geschichte der Studie zunächst beendet.
Jetzt ist die Frass-Studie zurück: Zehn Monate später ist sie wieder veröffentlicht
Die neue Publikation in der Fachzeitschrift Supportive Care in Cancer im September 2026 verschweigt die Vorgeschichte nicht. Die Autoren erklären ausdrücklich, dass die Daten bereits Gegenstand der früheren Publikation waren und diese zurückgezogen wurde.
Die Arbeit wurde jedoch neu aufgearbeitet. Vor allem Methodik und Datenkontrolle werden ausführlicher dargestellt. Die Autoren beschreiben eine vierfach kontrollierte Datenanalyse und gehen detaillierter auf Punkte ein, die während der jahrelangen Auseinandersetzung umstritten waren.
Auch die Ergebnisse werden erneut berichtet. Die Lebensqualität war unter zusätzlicher individualisierter Homöopathie besser als unter Placebo. Beim Überleben zeigte sich ebenfalls ein Unterschied zugunsten der Homöopathie-Gruppe. Diesen Befund ordnen die Autoren heute allerdings vorsichtiger ein und fordern ausdrücklich eine unabhängige Wiederholung der Untersuchung.
Link: Die Frass-Studie in der Fachzeitschrift Supportive Care in Cancer
Das Manuskript wurde im Februar 2026 eingereicht, im August angenommen und am 10. September veröffentlicht.
Wie kam es zur Neuveröffentlichung? Interview mit Prof. Frass
Eigentlich hätte die Geschichte mit der Retraction zu Ende sein können. Doch Prof. Frass gab seine Studie nicht auf. Wie wurde aus einer zurückgezogenen Arbeit innerhalb von zehn Monaten eine neue Publikation in einem onkologischen Fachjournal?
HomoeopathieWatchblog, Christian Becker: Herr Professor Frass, im November 2025 wurde Ihre Studie nach jahrelanger Kritik zurückgezogen. Jetzt ist sie keine zehn Monate später in einem anderen onkologischen Fachjournal wieder veröffentlicht. Wie kam es zu diesem wissenschaftlichen Comeback? Haben Sie unmittelbar nach der Retraction beschlossen, die Studie neu einzureichen – und wie ist das neue Journal mit der ungewöhnlichen Vorgeschichte und den Vorwürfen gegen die Studie umgegangen?
Prof. Michael Frass: „Zugegebenermaßen war ich nach der Retraction geschockt. Dazu muss man wissen, dass Ende Juli 2025 eine unauffällige Email bei mir einlangte, in der innerhalb von 3 Tagen ultimativ eine Antwort auf 3 Fragen gefordert wurde. Eine Frage fiel sofort auf: Ob ich diese Methodik auch in meiner Privatpraxis anwende. Ich antwortete innerhalb von 2 Tagen ohne eine Antwort auf meine Email zu bekommen. Etwa 2 Monate später kam die plötzliche Nachricht, die Studie werde zurückgezogen, da „sie wegen der individualisierten Behandlungsmethode nicht reproduzierbar sei und ich meinen Interessenskonflikt nicht angegeben hätte, nämlich dass ich die homöopathischen Mittel nicht nur verschrieben sondern auch vermarktet hätte.“ Dies Behauptung stimmt natürlich mit der Wirklichkeit nicht überein, aber wie so oft im Zusammenhang mit dieser Studie, war eine Kommunikation nicht möglich.Es war mir sofort klar, dass diese Entscheidung nicht auf wissenschaftlichem Weg zustande gekommen war. Es wäre unethisch und nicht vertretbar gewesen, die immense Mitarbeit der Patienten sowie aller an der Studie Mitwirkenden nicht neuerlich publik zu machen. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, die Ergebnisse dieser äußerst aufwendigen sowie komplexen Studie den leidenden Patienten unter Vortäuschung unwahrer Behauptungen vorzuenthalten
Bei der Neueinreichung wurde das Journal über sämtliche Vorwürfe informiert, die Richtigstellung mancher unrichtiger Behauptungen wurde im neuen Text eingearbeitet. Dies hat den Editor sowie die Reviewer überzeugt. Der Hauptpunkt der Kritik war der nachträgliche Ausschluss von Patienten. Dies wurde ja durch die Anwendung eines fälschungssicheren computergestützten Randomisierungsprogramms unmöglich gemacht, da jeder Ein- oder Ausschluss automatisch protokolliert wird. Neben vielen anderen außergewöhnlichen wissenschaftlichen Eigenschaften dieser Studie war die Planung durch die Statistikabteilung der Medizinischen Universität Wien auf einem außergewöhnlich hohem Niveau abgesichert.“
Nach sechs Jahren Auseinandersetzung, Korrekturen, einer „Expression of Concern“, massiver Kritik und schließlich der Retraction ist die Wiederveröffentlichung eine bemerkenswerte Wendung.
Was sagt Prof. Frass heute seinen Kritikern?
Doch hinter diesem wissenschaftlichen Streit steckt auch eine persönliche Geschichte. Sechs Jahre lang verteidigte Prof. Frass seine Arbeit gegen immer neue Vorwürfe. Die Retraction im November 2025 hätte das endgültige Ende sein können. Nun ist die Studie wieder veröffentlicht.
HomoeopathieWatchblog, Christian J. Becker: Sie haben fünf Jahre lang erlebt, wie Kritiker Ihre Studie öffentlich angegriffen haben, wie sie überprüft und korrigiert wurde und schließlich doch zurückgezogen wurde. Jetzt hat ein anderes onkologisches Fachjournal die neu aufgearbeitete Arbeit veröffentlicht. Was bedeutet diese Veröffentlichung für Sie persönlich – und was antworten Sie heute den Kritikern, die die Studie nach der Retraction für wissenschaftlich erledigt hielten?
Prof. Michael Frass: „Diese Veröffentlichung bedeutet für mich sehr viel, da bereits während der Studie ungewöhnliche Hindernisse auftraten: so konnte entgegen jahrzehntelanger Gepflogenheiten aus mir unbekannten Gründen die Studie nicht an der Medizinischen Universität Wien ausgewertet werden, wiewohl sie dort geplant und überwacht worden war. Das machte daher einen aufwändigen „Clearing Prozess“, nämlich die Datenweiterleitung aus dem Allgemeinen Krankenhaus Wien notwendig. Daher wurde auch eine externe Auswertung notwendig.
Meine Antwort an die Kritiker: bei einer so aufwendigen Studie ist die Kommunikation mit den Autoren notwendig, wenn die Komplexität das Verständnis übersteigt. Ich bin selbstverständlich zu jeder Diskussion bereit, es kann aber wohl vorkommen, dass ich einmal etwas übersehe. Für einen jahrzehntelang im Allgemeinen Krankenhaus Wien tätigen Intensivmediziner und weltweit anerkannten Atemwegsspezialisten ist es verwunderlich, wenn ohne tiefer gehende Kenntnis, allein im Vertrauen auf die Mutungen eines aufgebrachten Maschinenbauingenieurs, Wörter wie „Betrug, Manipulation, Fälschung“ verwendet werden. Dieser Angriff hat ja nicht nur mich sondern auch verdienstvolle Kolleginnen sowie die Ethikkommission der Medizinischen Universität betroffen. Als akademisch tätiger Wissenschaftler bin ich ein anderes Vokabular im Umgang mit Kollegen gewohnt. Ich reiche aber allen Kritikern die Hand, die durch unwahre Behauptungen in die falsche Richtung gelenkt worden sind.“
Damit hat eine Geschichte, die mit der Retraction im November 2025 beendet schien, eine unerwartete positive Fortsetzung für die Homöopathie bekommen. Und die Studie selbst ist zurück in der wissenschaftlichen Literatur.
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