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Interview mit Heilpraktiker und VKHD-Vorstand a.D. Carl Classen: Was sind Herausforderungen für Heilpraktiker, wie soll man mit Skeptikern umgehen?

Der Heilpraktiker und langjährige Vorstand des Heilpraktiker-Verbandes VKHD, Carl Classen, hat einen Meinungsartikel im Newsletter des Verbandes am 22.1. geschrieben. Darin zeigte er sich z.B. hin und her gerissen in seiner Beurteilung des Homoeopathiewatchblog, aber auch beim Thema Gesprächskultur und Aktivitäten gegen Skeptiker. Mich interessierte, wie er die aktuellen Herausforderungen für den Beruf des Heilpraktikers bewertet.

Bei solchen Interviews sollen Befürworter und Kritiker der Methoden des Watchblog zu Wort kommen können, im Sinn einer Diskussionskultur und eines besseren Verständnisses füreinander.

Hier unser Interview, das wir in den letzten Tagen per E-Mail führten:

1) Herr Classen, Sie waren viele Jahre Vorstand des VKHD und rufen zu einer besseren Gesprächskultur auf. Wie hat sich die Wahrnehmung des Berufs des Heilpraktikers von früher zu heute gewandelt? Wie hat sich das Thema Gesprächskultur intern und extern gewandelt?

Carl Classen: „Herr Becker, Ihre Frage ist komplex und das Thema Gesprächskultur ebenso. Ich hatte den Watchblog ja kritisiert, da er sehr viel Energie in interne Scharmützel lenkte. Vieles hätte man m.E. besser unter vier Augen und Ohren oder unter den aktiv Beteiligten besprochen, anderes braucht tatsächlich die öffentliche Diskussion. Ich will für eine Gesprächskultur hier keine allgemeingültigen Regeln aufstellen. Aber wir tun gut daran, uns um eine solche zu bemühen und achtsam zu bleiben, intern wie extern. Unsere Gegner setzen ja gerade darauf, uns so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass wir vorwiegend mit uns selbst oder mit denen beschäftigt sind, und nicht mehr richtig zu unseren eigentlichen Themen kommen.“

Zu „früher und heute“ ziehe ich einfach mal die Jahre seit 2005 in Betracht, als „The Lancet“ den Startschuss zur weltweiten Vernichtung oder aber gänzlichen Marginalisierung der Homöopathie gab. Ich erlebe direkte und indirekte Folgen der Angriffe. Ich erlebe mehr Offenheit und Verbundenheit, die Organisationen kommen viel stärker zusammen. Ich sehe auch, dass die Nerven offener liegen und dazu populistische Aktionsweisen, bei den „Skeptikern“ und dann bei uns. Aber nur sein Blumenkästlein zu pflegen bringt heute nicht weiter. Wir sollten mehr in den gemeinsamen Garten kommen und die Wildschweine mit ihren eigenen Problemen beschäftigen.

2) Aktuell steht der Beruf des Heilpraktikers durch politische Initiativen unter Druck. Was halten Sie für sinnvoll, um diesen Herausforderungen (z.B. beim Thema Ausbildungsordnung) zu begegnen?

Carl Classen: „Druck gab es schon 1995 durch die Bundes-Gesundheitsministerkonferenz GMK. Seither beobachte ich zwei Strömungen. Die eine will den Heilpraktiker zu einem Kammerberuf mit sehr umfangreicher Ausbildung machen oder gleich akademisieren, die andere will den Status quo bewahren. Eine gute Mitte, nämlich anspruchsvolle aber weiterhin bezahlbare Ausbildungen, sehe ich sehr wohl bei den einzelnen Fachrichtungen und deren Organisationen: Traditionelle chinesische Medizin, Osteopathie, Ayurveda, Homöopathie. Aber die Mehrzahl derjenigen Heilpraktikerverbände, die für sich in Anspruch nehmen, „alle“ Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker unabhängig von der Therapierichtung zu vertreten, tut sich schwer, sich auf einen solchen mittleren Weg hin zu verständigen. Unser intensives Bemühen, wenigstens die Fortbildungspflicht auf einen gemeinsamen Level zu bringen, war im Jahre 2012 grandios gescheitert. Spätere Anläufe ebenso, obwohl es hohe intrinsische Motivationen gibt und obwohl Heilpraktiker eine derjenigen Berufsgruppen sind, die sich am intensivsten berufsbegleitend fortbilden. Was heute geschieht, kommt ja nicht überraschend.“

3) Der Beruf des Heilpraktikers wird in der Öffentlichkeit immer wieder durch die sogenannten Skeptiker in den Dreck gezogen. Der HomoeopathieWatchblog verteidigt den Beruf des Heilpraktikers wie auch der Ärzte für Homöopathie, indem er Druck auf die Skeptiker aufbaut. Wie beurteilen Sie die Strategie, Druck auf die Skeptiker aufzubauen, indem ihre Verfehlungen und  falschen Argumente entlarvt werden? In Ihrem Newsletter schreiben Sie zum Watchblog: „Endlich geht da einer mit investigativen Methoden an die Hintergründe, deckt vielleicht gar verdeckte Finanzierungen auf! Macht damit etwas, was Berufsorganisationen genau nicht machen können und sollten!“ Was meinen Sie damit genau?

Carl Classen: „Ich bin selbst kein Mensch, der gerne auf Druck reagiert. Ich bin daher nicht sicher, was Druck auf Skeptiker wirklich bringt. Aber nehmen wir mal ein Beispiel. Im Januar hatte die Hamburger Morgenpost getitelt „Wegen Globuli – Patienten sterben“. Eine Kollegin hatte den Artikel bei Facebook eingestellt (damit sicherlich viele Klicks beschert!) mit dem Aufruf „ich hoffe doch, dass die Verbände & Co. da etwas tun“. Wie so oft, gab es aufgeregte Kommentare und die meisten erwarteten Gegendarstellung oder besser noch Verleumdungsklage. Das sind alles verständliche Reflexe, rechtlich aber meistens nicht durchsetzbar. Beschwerden beim Presserat hatten mehrfach Erfolg, aber man muss jeden Einzelfall anschauen, anstatt sich treiben zu lassen. Wichtiger ist die eigene Agenda zur positiven Aufklärung.

Ein kleines Lehrstück zu Gegendarstellung und Verleumdungsklage: Wer erinnert sich an Gegendarstellungen zur Springer-Presse, als diese in den 60er- und 70er-Jahren gegen alle Linken hetzte? Kein Mensch kennt damalige Gegendarstellungen! Aber viele, die alt genug waren, erinnern sich an das Staeck-Plakat „BILD: Juso beißt wehrloses Kind“.
http://www.edition-staeck.de/pl012-pl-juso-beisst-wehrloses-kind.html
Franz-Josef Strauß hält diese BILD(-Satire) vor sich, und darüber steht doppelsinnig die damalige FAZ-Werbung
„Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Bekannt wurde das nicht nur, weil Staeck gute Satire machte. Bekannt wurde es vor allem, weil Strauß Verleumdungsklage einlegte und prozessierte. Das ging durch die Medien. Damit schadete der Herr Strauß viel weniger Herrn Staeck als sich selbst. Ein Lehrstück, wie Gegenwehr aus Stammhirn-Reflexen genau nach hinten losgeht.

Eine schöne Antwort auf „Wegen Globuli – Patienten sterben“ wäre beispielsweise gewesen „Beim Gipfelfoto rückwärts gelaufen – Kameras töten“. Das legt den Kategorien-Sprung offen, den die Morgenpost ja erstmal nur als Assoziation und ohne widerlegbare Aussage in den Kopf zaubert. Das fiel mir leider zu spät ein. Wir sind oft zu verstrickt. Gute Ideen kommen nur aus freiem Kopf.

Investigativer Journalismus ist dann nochmal was völlig anderes. Ich glaube, für richtig heiße Themen muss man extrem cool und hoch professionell agieren, und zum größten Teil im Stillen. Gleich, ob man an mafiöse Clans, bestimmte Lobbys oder politische Verstrickungen durchleuchten will; man muss verschiedene Rollen einnehmen und es könnte gefährlich werden. Das verlange ich von niemandem.“

Danke für das Gespräch an Carl Classen.


 

Weitere Heilpraktiker-Interviews demnächst im Heilpraktiker-Newsblog.de – von den Machern des Homoeopathiewatchblog.de:

 

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