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Anthroposophischer Arzt kritisiert Grünen-Antrag gegen Homöopathie / Gastbeitrag

Der Antrag von 250 Grünen für ihren November-Parteitag, mit dem sie Homöopathie bei Krankenkassen verbieten und ihr den Arzneimittel-Status aberkennen wollen, bewegt viele Ärzte und Heilpraktiker und Patienten, aktiv zu werden, beispielsweise den Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. med. Christoph Bernhardt aus Hamburg. Er besitzt das Zertifikat Anthroposophische Medizin und ist in einer Praxis mit Schwerpunkt Onkologie und Misteltherapie tätig.

Im folgenden Gastbeitrag für den Homoeopathiewatchblog analysiert Dr. Christoph Bernhardt kritisch die aktuelle Entwicklung der Grünen zum Thema Homöopathie:

„Es ist zwar sehr erfreulich, wenn Frau Mielich versichert, es sei offizielle Parteilinie der Grünen, für die Kostenerstattung homöopathischer Medikamente einzutreten. Dies wirft aber einige Fragen auf. Warum wird dann die offizielle Parteilinie nicht von den Führungsgremien der Grünen in der gegenwärtigen Debatte gegenüber dem Antrag der Grünen Jugend, die Kostenerstattung abzuschaffen, offensiv verteidigt ? Warum melden sich neben den laut und polemisch auftretenden Gegnern der Kostenerstattung die Befürworter nur zaghaft und in kleiner Zahl zu Wort ? 
Ich habe vor einiger Zeit in einem offenen Brief an die Parteispitze der Grünen um eine Klarstellung in dieser Frage gebeten, da die Wähler der Grünen ein Recht haben, zu wissen, wie sich die Parteispitze in dieser Frage positioniert. Die Antwort, die die Bundesgeschäftsstelle der Grünen im Auftrag der Parteivorsitzenden mir zukommen ließ, war allerdings sehr ausweichend. Wörtliches Zitat:
„Es gibt in unserer Partei generell unterschiedliche Haltungen zum Thema
Homöopathie. In unserem Wahlprogramm aus dem Jahr 2017 wird lediglich
gefordert, „alternativmedizinische Verfahren mit anerkannten Methoden“
zu erforschen. Die Grüne Jugend hat im April 2019 gefordert,
homöopathische Arzneimittel nicht länger durch die Krankenkassen zu
erstatten und die arzneimittelrechtliche Sonderstellung der Homöopathie
zu beenden. https://gruene-jugend.de/gesundheit-statt-globuli/ Im Zuge
dieses Beschlusses der Grünen Jugend wird auch in der grünen Partei
erneut über die Haltung zur Homöopathie diskutiert.“
Hier wird explizit darauf hingewiesen, dass die offizielle Parteilinie nicht pro Kostenerstattung ist, sondern lediglich die Forderung nach Erforschung der Homöopathie vertreten wird. Zudem wird signalisiert, dass die Parteiführung die Diskussion über die Homöopathie offenbar als ergebnisoffen betrachtet. Unterstützung sieht anders aus. 
Da der ursprüngliche Beschluss der Grünen Jugend (https://gruene-jugend.de/gesundheit-statt-globuli/) in offen diffamierendem Tonfall verfasst war und noch nicht einmal davor zurückschreckte, die Homöopathie in die Nähe „antisemitischer (!) Argumentationsmuster“ zu rücken, hatte ich auch darum gebeten, zu diesen Verleumdungen Stellung zu nehmen. Leider sah sich die Parteiführung in dem Antwortschreiben nicht genötigt, sich von diesen Verleumdungen zu distanzieren oder diese zu bedauern. Dabei ist es für die Antihomöopathiekampagne durchaus typisch, dass dort weniger mit Sachargumenten als mit Diffamierungen gearbeitet wird.  An dem absurden Antisemitismusvorwurf sieht man exemplarisch, wie bösartig und perfide, aber auch wie hochprofessionell diese Debatte geführt wird. Mit Verleumdungen kann man natürlich sehr leicht eine Stimmung erzeugen, die zu hasserfülltem Kampf gegen eine so böse, weil irgendwie antisemitische Sache wie die Homöopathie, anstachelt. Es ist erschreckend, dass die Antihomöopathielobby für diese Art des „dirty campaignings“ die Grüne Jugend instrumentalisieren konnte und dies offenbar von der Parteiführung der Grünen stillschweigend geduldet wird. Dabei gehört doch sonst das Antidiskriminierungsgebot angeblich zur Kern DNA der Grünen. Trotzdem ist Hetze gegen Homöopathen offenbar in Teilen der Partei salonfähig geworden. 
Da die Stammwähler der Grünen mehrheitlich pro Homöopathie sind, ist es alleine schon von der politischen Logik her absurd, wenn sich eine Partei offen gegen die Interessen ihrer Kernwähler stellt. So würde vermutlich die Linkspartei nie fordern, den Hartz 4 Satz zu reduzieren und der CSU würde es nicht einfallen, antibayrische Beschlüsse zu fassen. Bei den Grünen hat sich diese Binsenweisheit aber offenbar noch nicht herumgesprochen.
Die aktuelle Homöopathiedebatte der Grünen weckt  zudem ungute Erinnerungen an die populistische Kehrtwende der Grünen bei der Impfpflicht, die die Grünen zunächst strikt abgelehnt haben, um dann mit einer populistischen 180 Grad Wende ins Lager der Impfpflichtbefürworter zu wechseln. Müssen die Wähler der Grünen bei der Erstattung der Homöopathie eine ähnliche Kehrtwende befürchten ? Zumindest scheint sich die Parteispitze alle Optionen offenhalten zu wollen, um ggf. am Ende erneut ihr Fähnchen opportunistisch nach dem Wind zu hängen. 
In dieser Frage sollten die Wähler und eventuell auch die Homöopathieverbände die Unterstützer der Homöopathie bei den Grünen, also z. B. den nach den Angaben von Frau Mielich hinter der Kostenerstattung stehenden Landesverband Baden Württemberg, aber auch z. B. die Landesverbände Hessen und Thüringen, die sich auch pro Kostenerstattung ausgesprochen haben (vgl. die verdienstvollen Wahlprüfsteine der Hahnemann Gesellschaft),  dazu aufrufen, auf dem Parteitag einen Gegenantrag zu stellen, mit dem sich die Grünen per Parteitagsbeschluss offen für die Kostenerstattung aussprechen sollen. Nachdem dies nun sogar Herr Spahn erfreulicher Weise getan hat, wäre es den Wählern der Grünen schwer zu vermitteln, dass die Grünen in dieser Frage hinter Herrn Spahn zurückbleiben. Es reicht dabei selbstverständlich nicht, wenn die Grünen nur den Antrag gegen die Kostenerstattung ablehnen. Dies bedeutet ja nur, dass sie nicht offen dagegen sind, heißt aber noch lange nicht, dass sie die Kostenerstattung z. B. bei einer künftigen Regierungsbeteiligung nicht doch abschaffen würden. Hier sollten die Wähler und die Verbände darauf drängen, dass die Grünen mit einem Parteitagsbeschluss eindeutig Farbe pro Kostenerstattung bekennen. 
Ein eindeutiges Votum pro Kostenerstattung wäre auch im wohlverstandenen politischen Eigeninteresse der Grünen. Denn eine Politik, die sich offen gegen die Interessen der eigenen Stammwähler stellt, hat sich langfristig noch für keine Partei ausgezahlt. 
Dr. med. Christoph Bernhardt“

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